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ELMAR HUEGLER

 
cobizz

Ein Fall fuer sich - Meine Arbeit mit einem Unikat
 
"Den werden Sie nicht halten koennen", prophezeite Gert von Paczensky und meinte damit einen Mann, den er mir 1974 warmherzig empfohlen hatte. Damals sah ich ihn zum ersten Mal. Was mir spontan gefiel, war seine unpraetentioese Art, seine Bescheidenheit. Inzwischen weiss ich, sein Erscheinungsbild sagt nichts ueber seine innere Entschlossenheit. Die zeigt er vor allem dann, wenn es darum geht, unsere komplexe Welt auf den Punkt zu bringen.
 
"Den werden Sie nicht halten koennen". - Vielleicht galt die Prognose diesem Wesenszug, der mir in der Tat noch manches AErgernis bescheren sollte. Die Logik naemlich, dass eine auf den Punkt gebrachte Welt dem besseren Verstaendnis diene, wird nicht von jedermann bejaht. Was viele rueckhaltlos begruessen, weil es Wurzeln (und damit auch Zusammenhaenge) offenlegt, ist anderen nur noch suspekt. Die Art, das Chaos dieser Welt auf ein paar Ursachen zurueckzufuehren, brachte manchen, der sich an den Symptomen orientierte, in Wut. Die Schlagworte, die dabei fielen, schufen jene Schattenexistenz, die in den Hirnen vieler Rezensenten ein gepflegtes Obdach fand: Gordian Troeller - ein finsterer Ideologe, Marxist oder doch Kommunist, zumindest links und damit als serioeser Journalist nicht akzeptabel, ein Thesenfabrikant, ein Agitator, ein Religionsveraechter, Atheist, nein, Nihilist - kurzum, ein mieser Weltbeschmutzer, der die Ideale unserer Zeit missachtet und daher eigentlich verboten werden muesste.
 
"Den werden Sie nicht halten koennen. "Gert von Paczenskys Worte waren das Praeludium zu einer Fuge, die ich bis heute hoere. Als er mir dieses prophezeite, hatte er bereits beschlossen, als Chefredakteur von Radio Bremen abzudanken. Das Thema blieb - auch wenn es nun, wie ja bei Fugen ueblich, von vielen Stimmen einzeln und nacheinander vorgetragen wurde.
 
Zunaechst aber war es der Sender selbst, der mich an Troellers Zukunft zweifeln liess.
 
Die personelle Konstellation, die mich 1974 vom Suedfunk Stuttgart zu Radio Bremen zog, begann sich schon fuenf Jahre spaeter aufzuloesen. Gert von Paczenskys Abgang war nur die erste Reaktion auf einen Wechsel, der alle Programmplaene zunichte machen konnte. Der Programmdirektor, Dieter Ertel, der mich gemeinsam mit Klaus Boelling (damals Intendant) zur Umsiedlung nach Bremen ueberredet hatte, ging als Fernsehspielchef zum WDR nach Koeln. Von seinem Nachfolger, Hans Werner Conrad, wusste man noch nicht, was er im Schilde fuehrte.
 
Vor allem Troeller schien gefaehrdet, denn der zu dieser Zeit amtierende Intendant (Gerhard Schroeder) hatte wiederholt verlauten lassen, dass er das Engagement der Redaktion im aussenpolitischen Bereich nicht laenger unterstuetzen wolle. Nun koennte der Wechsel ihm erlauben, was Dieter Ertel (der mir freundschaftlich verbunden war) schon durch Praesenz verhindert hatte: eine Zertruemmerung meines nach vier Jahren zaghaft bluehenden Programms. Die Sorge war: der neue Programmdirektor wuerde sich dem Druck nicht widersetzen wollen und, gewissermassen als Dank fuer seine Nominierung, Gordian Troeller opfern.
 
Hans Werner Conrad hatte solche Vermutungen schon bald nach seinem Amtsantritt entkraeftet. Nicht, dass er Troellers Weltsicht vorbehaltlos akzeptierte. Sie war ihm in mancher Hinsicht zu dogmatisch. Gleichwohl erkannte er die visionaere Kraft, die hinter seinen Filmen steckt. Im Grunde ging es ihm wie mir, als ich Troeller kennenlernte.
 
Ich war gebannt von dem, was seine Filme an Einsichten und Wissen vermitteln konnten, obgleich mir unter filmtheoretischen Aspekten manches unueblich erschien. Schliesslich hatte ich als Filmemacher zwoelf Jahre lang an einer eigenen Theorie gefeilt und - wie ich glaubte - mich dabei mit allen Spielarten des Films vertraut gemacht.
 
Die Diskussion, die ich zuvor auch schon mit Dieter Ertel fuehrte, begann daher neu aufzuleben. Die Frage war: Wie kann ein Autor (naemlich ich), dem das Wort zwar teuer, die Bildsprache dagegen unersetzlich ist, sich urploetzlich fuer eine Wirklichkeitsdarstellung engagieren, die sich doch eher als textbetont erweist?
 
Ich hoere sie noch heute, dieselbe Frage, doch die Konzilianz der Fragesteller hat mit den Jahren abgenommen. Die Antwort, die ich habe, erfordert noch einmal einen Blick auf meine eigene Entwicklung.
 
In der Tat, in Stuttgart hatte ich Gelegenheit, mich als Autor und Filmemacher bis an die Grenzen meines Genres heranzutasten. Als ich nach Bremen kam, hoffte ich (nun als Leiter eines Programmbereichs, der sich exklusiv dem Dokumentarfilm widmen sollte), die aus der Praxis gewonnenen Erfahrungen mit anderen Autoren so umsetzen zu koennen, dass eine neue Dokumentarfilmtheorie erkennbar wuerde. Was mich reizte, war, die Herkunft der Gattung 'Fernsehdokumentation', ihre Zugehoerigkeit zum 'Film', nicht laenger zu verleugnen, die blutleeren, didaktischen Produkte der Nachfahren von 1968 mit einer nachweisbar 'filmischen' Dokumentation zu kontrastieren.
 
Dass Gordian Troeller nicht an mir selber scheiterte, lag an der Unmoeglichkeit, seine Filme den mir bekannten Mustern zuzuordnen. Sie entsprachen gleichzeitig in nichts der Utopie, die ich - nochjugendlicher Cineast - mir selbst geschaffen hatte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich, bei einem seiner ersten Stuecke, zur sinnlichen Vertiefung seiner Botschaft, die Verwendung von Musik empfahl. Gemeinsam sassen wir am Schneidetisch und vertonten seine Bilder. Vielleicht war das der Augenblick, nach dem ich endgueltig begriff, dass Qualitaet kein Vorbild braucht. Was in sich stimmt, hat jenen Grad an Unangreifbarkeit erreicht, der den Vergleich unmoeglich macht. Dass viele Fernsehmacher, in devoter Anpassung an das System, 'kompatibel' sind, ist leider wahr. Dass ihre Willigkeit die Qualitaet ihrer Produkte steigere, ist ein Geruecht. Es stammt von Fliessbandredakteuren, deren Ehrgeiz sich erschoepft in der Herstellung genormter Ware. Dies zu unterstuetzen, schien mir pervers. Hier jedenfalls war ich mit einem Autor konfrontiert, der seine eigene Form gefunden hatte. Mein Bestreben musste sein, ihm diese Form zu lassen. Dies umso mehr, als deren Wirkung ueberzeugend war.
 
Laengst ist die Handschrift Troellers 'Stil' geworden, er selbst ein Unikat. Was er ist, weiss man deshalb allerdings noch lange nicht.
 
Ein 'Dokumentarfilmer' (wie er sich selbst gelegentlich bezeichnet) ist er zumindest in jenem orthodoxen Sinne, den ein Teil der deutschen Dokumentaristen mit dem Begriff verbindet, nicht. Diese, puritanisch nur auf das fixiert, was die Kamera an Wirklichkeit direkt erfasst, glauben an die Objektivitaet von Filmbildern. Den Glauben hat Gordian Troeller nie gehabt. Andererseits: Er passt auch nicht in die Schablone jener, die sich der Diktatur des Sichtbaren entziehen, und, mit Bausteinen der Realitaet, diese (nach Massgabe der eigenen, sinnlichen Erfahrung) nachtraeglich gestalten. Seine Stuecke sind schon eher jenem Typus zuzuordnen, dessen erzieherischer Impetus keine Ruecksicht nimmt auf filmspezifische Gesetze. So sind die Menschen in seinen Filmen nur selten aktiv, keine Handlungstraeger. Sie sind fast immer Funktionen seiner Botschaft, Kronzeugen fuer das, was er zu sagen hat. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, sein Hang zur Aufklaerung missachte die, die aufzuklaeren er doch eigentlich mit allen Mitteln trachte. Eine Kritik, die tatsaechlich an einen Grundsatz filmischer Vermittlung ruehrt: Der Zuschauer kann sich nur identifizieren, wenn ihm sein Gegenbild den Vorgang der Entscheidung, die Freiheit seiner Wahl aktiv (das heisst handelnd) offenbart.
 
So schoen kann Theorie mit Worten glaenzen, falls nicht ein Troeller an ihren Fundamenten graebt. Tatsaechlich ist es ihm gelungen, solche Regeln immer wieder zu missachten und doch von vielen akzeptiert zu werden. Ich selber habe schnell gelernt, dass fuer seine Art der 'filmischen' Vermittlung das theoretische Vokabular nicht taugt. Sein Werk verdient eine Bewertung, die sich der Konvention entzieht. Wer bei Troeller die fernseh-genuine Messlatte benutzt, hat nichts begriffen. Um ihm gerecht zu werden, muss man wertfrei sehen und sich von Vorurteilen trennen koennen. Man muss sich die Kriterien aus seinen Filmen selber holen. Was Schiller einst in einem Brief an Goethe schrieb - hier wird es zum Gebot: Wenn es kein Gesetzbuch gibt, auf das sich der Kritiker berufen kann, muss er zugleich Gesetzgeber und Richter sein.
 
Zugegeben, der Satz ist nicht gemeinschaftsfaehig. Er widerspricht nicht nur der Ueberzeugungskraft, mit der das Fernsehen nach homogener Wirkung strebt. Er fordert zugleich eine Toleranz, die bei der Entwicklung dieses Mediums nie vorgesehen war. Kein Wunder, dass der Name Troeller bei vielen Fernsehbossen fuer journalistische Libertinage steht. Wer sich der institutionalisierten Norm entzieht, riskiert, dass er - markiert und abgestempelt - in einer Schublade verschwindet.
 
Dieser ausserinstitutionelle Ordnungsakt legitimiert noch einmal das innerbetriebliche Prinzip (Ordnung muss sein) und haelt den Fernsehbuerokraten wach. Im Joch der immer gleichen Etikette war sein Erfindungsgeist ohnedies erlahmt. Ein Fall wie Troeller bot endlich wieder eine Chance, das rudimentaere kritische Potential zu neuen Hoehenfluegen anzustacheln.
 
Was war er nur?
 
Zunaechst einmal (schon schlimm genug): ein Spielverderber. Warum zum Teufel war er nicht bereit, es jenen nachzumachen, die (Kopf ueber Mikrofon und Faust, im Hintergrund Kanonendonner) ihr vordergruendiges Weltwissen als Schnellgericht servieren? Als Korrespondent koennte er (beamtet und damit auch befugt) sich Einschaetzungen leisten, die, gemessen an seinen historisch orientierten Analysen, geradezu absurd erscheinen. Sie, die 'Auslandsberichterstatter', hatten einen Stil geschaffen, der integrierbar war. Ihre inszenierten Hypothesen liessen sich verkaufen. Denn was man mit Kopf auf Bild besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.
 
Dagegen Troeller. Ausser einer monochromen Stimme, die unbewegt auch anerkannte Wahrheiten zerpflueckt, war nichts von ihm bekannt. Wer eigentlich gab ihm das Recht, das Medium so radikal und subjektiv zu nutzen? Ja, haette seine Wirklichkeitsdarstellung wenigstens die Realitaetsbezogenheit einer Reportage, waere die Glaubwuerdigkeit seiner Behauptungen zumindest teilweise belegt. Er aber begnuegte sich mit losen Bildern, Szenen, Fakten, die er erst mit Worten zu allerdings bestuerzenden Aussagen verband.
 
Gert von Paczensky musste Argumente dieser Art erwartet und ihre Wirkung hochgerechnet haben: "Den werden Sie nicht halten koennen."
 
Dabei konnte er damals noch nicht ahnen, dass die Kritik an Troellers Filmen sich vermehrt auch mit der Form befassen wuerde. Die Frage, ob das real existierende Programm Formverletzungen verkraften koenne, erhielt aber zunehmend Gewicht. Noch bevor die Jagd nach Quoten die Artenvielfalt reduzierte, gab es bereits den Wunsch, das Programmgesicht auf Stromlinie zu buersten. Als Muster galt das herkoemmliche Feature, spaeter die aktuelle Reportage. Abweichungen wurden sorgfaeltig vermessen und nach den selbstgeschaffenen Geschmackskriterien bewertet. Mit solcher Denkarbeit produzierte das Fernsehen im Lauf der Jahre ein Troeller-Bild, das aus einem zugegeben eigenwilligen Autor einen Fernsehkiller machte. Da sich an dieser Demontage auch die amtlich eingesetzten Fernsehueberwacher (Gremienmitglieder) wolluestig beteiligten, da also ein oeffentliches Votum vorgespiegelt werden konnte, wuchs der interne Widerstand. Waere er am Ende d och nur ein Didaktiker, ein raffinierter zwar, der mit Eloquenz besticht, mit Thesen, Worten, weil er mit Bildern nicht beweisen kann, was er an Weltkenntnis besitzt? Oder ist er einfach das, was man von einem Autor dann behauptet, wenn er nicht einzuordnen ist, wenn er die Konvention, das Reglement, die Spielregeln verletzt - ein Essayist? Die Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts benutzten diesen Begriff, um damit den Fragmentcharakter ihrer Werke zu betonen. Freilich, so sehr Troellers Stil dazu verfuehrt, diese Art, einzelne Botschaften miteinander zu verketten: seine Filme sind nicht fragmentarisch. Und er, der sich Zeit seines Lebens mit aller Kraft bemueht, das Einzelne als Teil globaler Verflechtung zu uebermitteln, ist alles andere - ein Fragmentarier sicher nicht.
 
Was aber ist er dann?
 
Vor Jahren, als die Wellen wieder einmal hochschlugen und die Proteste auf einen Troeller-Film die Mitglieder des Fernsehausschusses von Radio Bremen in Rage brachten, erlaubte ich mir, dieses produktiv zu nutzen. Ich versuchte, aus den Aeusserungen der Sitzungsteilnehmer ein Phantombild Troellers zu entwerfen. Was dabei herauskam, war das Bild eines Dynamikers, jung, alternativ, Typus Jeans mit Lederjacke, ein Weltverbesserer der unbeugsamen Art, ein bisschen Albert Schweitzer, viel mehr jedoch Karl Marx. Dies brachte mich auf die Idee, Gordian Troeller zur naechsten Sitzung mitzunehmen. Die Reaktion, als er erschien, werde ich nie vergessen. Das also war er. Silberhaar und leicht gebeugt, Horn- statt Nickelbrille, glatt rasiert statt Rauschebart. Die Diskussion um seine Filme hatte wieder (wenn auch nur fuer kurze Zeit) die neutrale Laessigkeit eines ausschliesslich produktbezogenen Meinungsaustauschs. Die Antwort auf die Frage, wer Gordian Troeller wirklich ist, blieb freilich wieder einmal auf der Strecke.
 
Er ist nicht links, er ist nicht rechts und 'alternativ' auch nur insofern, als er alles, was er sieht, zunaechst einmal in Frage stellt, um nach anderen Sichtweisen zu fahnden. Mit Albert Schweitzer verbindet ihn die "Ehrfurcht vor dem Leben", mit Karl Marx der feste Wille, Verhaeltnisse, in denen "Menschen erniedrigt und geknechtet werden", nicht zu dulden. Sein Leitsatz, dass "jedem erlaubt sein muss, er (sie) selbst zu sein", bringt ihn gleichwohl wieder auf Distanz zu allen Weltanschauungen, deren Humanitaet sich nur in aeusseren Bekenntnissen erschoepft. Er schaut hinter die Fassaden und was er da entdeckt, steht fast immer in Kontrast zur oeffentlich legitimierten Meinung. So war vorhersehbar, dass das Thema Kirche Konflikte schaffen wuerde.
 
Als Troeller in einem Film ueber Indianer die Haltung von katholischen Geistlichen (Missionaren) und deren Erziehungsmethoden kritisierte, hatte er (wie ich) nicht damit gerechnet, dass das Hinterfragen von Denkweisen und Ritualen zu Protesten fuehren koennte, die dem christlichen Gebot der Duldsamkeit auf schlimme Weise widersprachen. Das Stueck beschaeftigte nicht nur die Deutsche Bischofskonferenz. Ueber die Kanzeln vieler Kirchen, ueber Streitschriften und Flugblaetter wurde ein Heer von Glaeubigen mobilisiert, von denen viele den Film gar nicht gesehen hatten. So wurde aus Gordian Troeller der personifizierte Antichrist, aus Radio Bremen eine Agentur der Hoelle.
 
Es sollte allerdings noch schlimmer kommen.
 
Als sich Troeller in einem Film ueber Palaestinenserkinder auch kritisch mit der israelischen Besatzungspolitik auseinandersetzte, sah Heinz Galinski, der Direktoriumsvorsitzende des Zentralrats deutscher Juden, bereits schon die "Substanz des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden" in der Bundesrepublik bedroht. Der israelische Botschafter in Bonn warf dem Autor vor, seine Kritik sei "antiisraelisch". So deckte er seine Regierung, indem er Troeller als Feind des ganzen Volkes diffamierte. Was er damit allerdings tatsaechlich wollte, wurde spaeter deutlich - bei einer persoenlichen Begegnung, zu der der Botschafter sich selbst bei Radio Bremen eingeladen hatte. Ich wurde Zeuge einer weiteren Metamorphose. Gordian Troeller, eben noch ein Katholikenhasser, wurde nun, in einer Marathonbeschimpfung, zum Judenfeind gemacht.
 
Man koennte lachen, wenn so viel Unverstand nicht symptomatisch waere. Er, der Philanthrop, der rastlose Verteidiger von Toleranz und Menschenwuerde, hat genau das zu erleiden, was er so vehement bekaempft. Im Spannungsfeld verschiedener Interessen, hat er, dessen einziges Interesse, die Gerechtigkeit, unparteiisch ist, Objektivitaet nicht zu erwarten. So ist und bleibt er eben ein Anarchist. Ein Aussenseiter.
 
Von dieser Tatsache war meine Arbeit mit Gordian Troeller von Anfang an gepraegt: jedoch - die Konflikte, die er mit seiner Haltung provozierte, wuchsen. Waehrend aber frueher die Kritik an seinen Filmen an Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens ruehrte, hat nun ein Widerstand begonnen, der seine Legitimation auf eher zweifelhafte Interessen stuetzt. Konkret gesagt: In einer Zeit, in der die Massenwirksamkeit das Denken der Medien beherrscht, ist eigentlich kein Platz fuer einen, der seinen Arbeitsstil auch dann verficht, wenn er das Medieninteresse sabotiert.
 
Troeller und die Einschaltquote:
 
Ein Thema, das bei nuechterner Betrachtung zu einer ueberraschenden Erkenntnis fuehrt. Zwar sind die Zeiten, in denen seine Filme 30% und mehr erreichten, ein fuer allemal vorbei. Der Stamm seiner Verehrer ist mittlerweile aber so gewachsen, dass ihm eine Mindestquote von 6-8% bei jeder Sendung sicher sind. Und das genuegt. Was einst darueberlag, rekrutierte sich aus Zufallssehern, die heute, angelockt von der geschoenten Welt der Kommerziellen, sich lieber in Entspannung ueben. Das ist ohne Zweifel zu bedauern. Ein Unglueck ist es gleichwohl nicht. Wirklich fatal dagegen ist, dass das Fernsehmanagement verlangt, die abtruennig gewordenen Seher um jeden Preis zurueckzuholen. Um fuer die ARD salonfaehig zu bleiben, haette Gordian Troeller daher mehr zu leisten, als er (und mit ihm ich) verkraften koennte: Ein Akt der Selbstverleugnung wird gefordert, der zwar der ARD die Quote rettet, gleichzeitig aber auch ein Fernseh-Biotop vernichtet.
 
Sich dem zu widersetzen, wird immer schwerer. Dies umso mehr, als auch die Moeglichkeiten fuer eine autonome, sendereigene Programmplanung seit Jahren schwinden. Im Namen des Fortschritts, Troellers erste Reihe (Start 1974) wurde als Programmvorschlag Radio Bremens von der ARD noch widerspruchslos akzeptiert. Bei der zweiten Reihe Frauen der Welt (Start 1979), gab es bereits Probleme. Der Anspruch eines kleinen Senders auf ein mehrteiliges Konzept (eine 'Reihe') entsprach nicht mehr dem antifoederalen Geist der Zeit. Immer mehr suchte die ARD ihr Heil in einem zentral gesteuerten Programm. Die kreative Eigenleistung wurde als Senderegoismus denunziert. Dass es dennoch gelang, 1984 eine weitere Reihe durchzusetzen (Kinder der Welt) erscheint mir heute wie ein Wunder. Vielleicht war den Programmhierarchen in diesem Augenblick nicht klar, was fuer Konsequenzen ihr Grossmut haben koennte: Waehrend ich hier schreibe, dreht Troeller in Nicaragua. Es ist der sechsundzwanzigste (!) Beitrag dieser Reihe. Es werden hoffentlich noch viele folgen, denn als Autor von Einzelthemen wuerde Troeller - mit Hinweis auf die offizielle Auslandsberichterstattung und deren 'aktuelles' Reaktionsvermoegen - kaum mehr zum Zuge kommen.
 
Bleibt also nur, den Freischein auszunutzen und die Kinder-Reihe ad infinitum auszudehnen. Ich kann mit dieser Loesung leben, denn in der Praxis hat sich laengst erwiesen, dass sich die Themen unserer Zeit auf diese Art besonders eindrucksvoll vermitteln lassen. Nicht nur, dass das Sujet Troellers Engagement mit Leben fuellt. Ueber Kinder transportiert, erhalten seine visionaeren Thesen und Aspekte eine apokalyptische Realitaet. Der eigentliche Grund fuer meine Haltung ist banaler: Mir ist jedes Mittel recht, um einen Autor im Programm zu halten, dessen Eigenstaendigkeit zwar Aerger macht, dessen Kunst, die herrschenden Tabus sinnfaellig zu verletzen, ich aber ueber alles schaetze. Der Frage, ob ich denn wolle, dass Troeller "auch noch mit achtzig Jahren Kinder filme" (sie wird mir nun gelegentlich gestellt), begegne ich gelassen. Einmal kann ich mir denken, dass dieser Autor, der eine Trennung zwischen Leben und Filmen nie wirklich zustande brachte, nichts dagegen haette. Zum anderen: wenn es dazu wirklich kaeme - dies waere nur ein weitere Beleg, dass sich Troeller jeder Festlegung entzieht.
 
Noch einmal also: Kinder der Welt und Gordian Troeller - eine unendliche Geschichte?
 
Die Vorstellung erheitert mich, denn was sie offenbart, ist paradox: Indem die ARD anderes verhindert, rechtfertigt (und verewigt) sie, was ihr an Troeller sonst missfaellt: sein Konzept, die Welt nicht aus dem Blickwinkel der Maechtigen zu sehen.
 
Eine Wende, die das oeffentlich-rechtliche Interesse widerspiegelt. Das Fernsehen verzichtet auf seine kritische Autoritaet zugunsten aeusserer Programmhygiene. Wie immer das bewertet werden muesste, in diesem Fall deckt es sich mit Troellers eigenem Interesse.
 
Ansonsten bringt der Trend, das Fernseh-Outfit dem Zeitgeschmack entsprechend schmuck zu halten, Troeller immer staerker in Gefahr. In der nach oben offenen Frohmut-Skala belegt er einen schlechten Platz. Analog dazu waechst die Bereitschaft, ihn als Programmschaedling zu diffamieren. Ihm, dem vielfach Preisgekroenten, muss ich nun immer oefter sagen, wie duenn der Faden ist, an dem wir beide haengen. Er quittiert meine Besorgnis mit weisem Laecheln, denn schliesslich haben wir Ziel und Thema seiner naechsten Reise laengst geplant.
 
Womit die Frage, was dieser Autor wirklich ist, schlussendlich doch noch eine Antwort findet - ein wunderbar friedfertiger Mensch.
 
Elmar Huegler, geb. 1933, von 1962 bis 1974 Dokumentarfilmer und Redakteur beim Sueddeutschen Rundfunk, Autor und Regisseur zahlreicher TV-Sendungen und -Reihen. Seit 1974 Leiter der Abteilung Kultur und Gesellschaft bei Radio Bremen/Fernsehen.

 
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