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RUPERT NEUDECK

 
cobizz

Kleine Hommage an Gordian Troeller
 
Gordian Troeller unterrichtet uns, ohne uns zu belehren. Er unterrichtet und informiert uns auch darueber, wie wir miteinander leben: schlecht naemlich leben wir miteinander. Wir haben das Feld des Miteinanderlebens den Politik-Profis ueberlassen. Die Kollegen Journalisten (zumal des Radios und des Fernsehens) zweifeln nicht einmal mehr daran, dass das Zusammenleben von der Politik konstituiert und monopolisiert wird. Deshalb brauen sie jeden Abend in ihren Menues - genannt Tagesschau, heute, RTL aktuell, heute-journal - etwas zusammen, dem jedermann/jedefrau durch langes Kauen nur noch den Geschmack abgewinnen soll: die jeweils Regierenden verfuegen ueber unseren Alltag. Die Kollegen Mundwerksburschen vergeuden tagtaeglich wertvolle Sendeminuten damit, einem Oskar Lafontaine immer wieder zuzuhoeren, wie er dem Volk der Habenichtse erklaert, dass er nach Pruefung seiner Bezuege, fuer die er mehrere staatliche Behoerden eingeschaltet hat, zu der Ueberzeugung gekommen sei, er verdiene eigentlich zu wenig - zumindest sei sein Einkommen gerechtfertigt... "Also", sagt derjenige, den wir allzulange nicht abgewaehlt haben, "ich mag das Wort 'Krise' nicht". (Mit diesem wunderbaren Satz beginnt der Deutschlandfunk stolz sein Interview der Woche mit Helmut Kohl am Sonntag, den 7. Juni 1992).
 
Zu reden ist hier von einem Gordian Troeller, der mit unseren wirklichen Krisen zu tun hat, der aber dennoch nicht zu einem intellektuellen Krisen-Schwaetzer geworden ist. Und da ich mit ihm ueber diese meine (An-)Sicht seiner Person nie gesprochen habe, will ich es mit diesen duerftigen Zeilen eines Vorworts tun: als kleine Hommage, als kleine Lobpreisung.
 
Ich habe im Lauf meines Berufslebens die akademische Ausbildung ein bisschen fuerchten und hassen gelernt. Als kluger Gebildeter - so ist mir klar geworden - hat man immer so verteufelt viele, gute, triftige Gruende, etwas nicht zu tun.
 
In den Tagen, da ich dies hier schreibe, liegen wir (von der Cap Anamur) in Sued-Angola fest mit einem riesigen Tross von Ex-Tanks mit Minenraeumequipment, mit wuest-grossen russischen LKWs der Marken Tatra, Krass, Ural, mit Tankwagen, Brueckenlege-Panzern und so weiter. Wir kommen da kaum voran. Ich kann nur auf den Geist von Menschen wie Troeller und all denen setzen, die nicht deshalb aufgeben, weil es zu viele Widerstaende gibt, zu viele unkonventionelle Wege beschritten werden muessen.
 
Nein, das erhoeht in uns (darf ich das dem ein wenig aelteren Kollegen so kumpanenhaft zurufen?) den Widerborstigkeitsgeist: Nun erst recht!
 
Juengst traf ich einen jungen Kollegen, der mir die ganze Hoffnung auf meinen mir manchmal verleideten Beruf zurueckgegeben hat, der mir auf meine wirklich verbloedete Frage, was er denn studiert habe, antwortete: "Gar nichts, ich bin einfach in den Journalismus hineingerutscht." Und ich dachte mir dabei: Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Andreas Cichowicz in Suedafrika und im suedlichen Afrika so gute Reportagen und Filme macht, dass er eben nicht so ein Neunmal-Kluger geworden ist...
 
Ich will ein Beispiel herausgreifen (eines von ueber 70 Beispielen, die alle zu erzaehlen waeren, wenn es so etwas gaebe wie eine Programmgeschichte des Fernsehens - aber es gibt die Moeglichkeit einer solchen TV-Historiographie immer weniger, seit es den Walter Jens alias Momos nicht mehr gibt, die Mainzer Tage der TV-Kritik zu einem Verkaufsgespraech entartet sind, der Chef dieser Journalistentage nichts anderes zu tun hatte, als seinen ZDF-Untergebenen per Dienstanweisung schriftlich zu geben, sie haetten ihn jetzt mit Professor, irgendwann auch mit Doktor anzureden; seit jener Clemens Muenster an der Aufgabe gescheitert ist, eine Fernsehprogramm-Geschichte zu schreiben; seit Egon Netenjakob das wohl auch aufgegeben hat und sich den Monographien hingibt: Wildenhahn, Monk, Fechner) - ich nehme das mir liebste Beispiel:
 
Eritrea. Ein Land, von dem wir - Gordian Troeller und einige wenige - wussten, dass es einmal ein richtiges Land werden wuerde. Zu Gegnern unserer Prognose - Troeller drehte dreimal, sich der Gefahr aussetzend, am Boden und aus der Luft attackiert zu werden, im Buergerkriegs-Eritrea - hatten wir das Auswaertige Amt und die Auslandskorrespondenten in Nairobi. Die Vertreter der geballten deutschen Medienmacht verweigerten Eritrea die Anerkennung wie das Auswaertige Amt. Mit einem uebrigens berueckenden journalistischen Argument: Sie wuerden aus Addis nicht mehr die Einreisegenehmigung von Gnaden des Haile Mariam Mengistu erhalten, wenn sie den Sprung nach Eritrea wagten. Die deutschen Zuschauer, Leser, Hoerer leiden noch immer darunter - ohne es zu wissen: Sie sind Opfer des schlechten Gewissens dieser Reporter. Die moechten nicht zugeben, dass sie sich doppelt geirrt haben: Einmal haben sie die Version von Addis uebernommen, dass es ein eritreisches Volk gar nicht gebe; und sie haben die Version uebernommen, dass Eritrea nicht unabhaengig werden duerfe, weil dann Aethiopien nicht mehr lebensfaehig sei. Beide Standpunktprothesen haben sich als das herausgestellt, was sie sind: fauler Politikzauber. Eritrea wird das einzige Land sein in diesen lausigen Jahren, das Erfolg hat, einen wirklich autarken Enthusiasmus, der nicht auf uns verfluchte Europaeer wartet, um zurechtgerueckt zu werden. Ich freue mich nach Troellers letztem Film schon auf meinen naechsten Besuch in Asmara.
 
Ich traeume von Troellers fuenftem Film in Eritrea. Nach dem verschwenderischen 'Zirkus' in Rio de Janeiro, den so viele Umwelt- und Alternativgruppen so verraeterisch mitgemacht haben, koennte ein einziger Film aus Asmara und Massawa, aus Kerem und Nacfa, aus Tessenie und Gindha uns zeigen, wie eine fleissige und sparsame, haushaelterisch und pfleglich mit ihren Instrumenten und Gefaehrten, ihren Investitionen und ihren Gebaeuden umgehende Gesellschaft es schafft, dass selbst Gueter unserer Industriewelt bewahrt werden: durch Wartung.
 
Kein Land der Welt laesst auf seinen wenigen Strassen so viele VW-Kaefer fahren wie Eritrea. Ich habe in meiner ungeschuetzten Begeisterung geglaubt, das dem VW-Werk in Wolfsburg mitteilen zu sollen. Zumal es ein grosses VW-Kaefer-Ereignis in Zusammenhang mit der Befreiung gab: Der Leiter der EPLF-Gesundheitsabteilung, Dr. Nerayo, der vor 14 Jahren fliehen musste, hatte seinen kleinen Kaefer in Asmara gelassen. Ein Freund hatte ihm den Wagen eingemauert. Gefaehrlich, denn Hab und Gut eines Republikfluechtlings gehoerte dem raeuberischen Staat. Nach 14 Jahren und dem Sieg der EPLF, der Eritrean People's Liberation Front, kam er am 24. Mai 1991 nach Asmara. Die Mauer wurde gesprengt, der Wagen war da und brauchte nur eine neue Batterie. Dr. Nerayo faehrt bis heute mit diesem Wagen. Ein Film-Thema?
 
Ich habe mich ueber Gordian Troeller auch einige Male geaergert. So, wenn er Kritisches unter den Tisch fallen laesst, einen stromlinienfoermigen Film macht wie den ueber die Menschen im Suedsudan, der alles Bedenkliche und Fatale an dem unorganisierten und brutalen Kampf der SPLA, der Sudanese People's Liberation Front, unter den Tisch fallen laesst. Die Schwarzafrikaner im Suedsudan, denen Gordian Troeller genauso verbunden ist wie ich selbst, werden durch diese allzu militaerische, auf den Waffenkampf fixierte "Bewegung" brutalisiert und maltraetiert. Die Bewegung des Dr. John Garang, Oberst, verdient den Ehrentitel Liberation Movement, "Befreiungsbewegung", nicht. Den muss man sich verdienen, indem man schon waehrend des militaerischen Kampfes gegen die uebermaechtigen Eroberer, Sklavenhalter und Okkupanten aus Khartoum die Strukturen des neuen Sudan etabliert. Indem man eine zivile Verwaltung schafft, die fuer das Volk sorgt, der Nahrungsvorsorge und der medizinischen Versorgung, dem gesellschaftlichen Leben wie der Betreuung der Tuberkuloesen und Lepra-Kranken eine ganz grosse Prioritaet einraeumt. All das gab es nicht zum Zeitpunkt des Suedsudan-Films von Gordian Troeller. Sein Film war gut gemeint. Ich erwaehne das aber, weil wir alle in Gefahr sind, wegen einer Tendenz, die wir zu Recht unterstuetzen, alle begleitenden kritischen Aspekte auszublenden.
 
Den heftigsten und langwierigsten Streit gab es ueber Troellers Film Die Nachkommen Abrahams (1989). Den Redakteur der Sendereihe, Elmar Huegler, der sonst seinen breiten Ruecken gern zur Verfuegung stellt, um Gordian Troeller zu decken, hat diese Auseinandersetzung fast zur Verzweiflung getrieben. Die Reaktionen auf diesen Film ueber palaestinensische Kinder waren der typische Reflex unserer philosemitischen Verkrampfung. In solchen Situationen reagieren Intendanten und Rundfunkraete wie das Kaninchen auf die beruehmte Schlange: Sie deklarieren solch einen Film sofort (und fast unbesehen) zu einem Werk "mit eindeutiger antisemitischer Tendenz" (so der Fernsehausschuss des Bayerischen Rundfunks im November 1989), "mit nicht zu uebersehender anti-juedischer Tendenz" (NDR-Rundfunkrat), nur weil sich die offiziellen und offizioesen Vertreter Israels in Deutschland heftig ablehnend, auch oeffentlich-fordernd, zu diesem Film geaeussert hatten. In solchen Faellen proben ARD und ZDF nicht etwa die gebotene Gelassenheit, sondern uebernehmen vollstaendig die Argumente der einen Seite.
 
So etwas fuehrt zu absurden, nie berichteten Folgen. Als der Reporter des BR, Hans Lechleitner, im Jahre 1987 im Deutschen Fernsehen die von Israel inszenierte "Operation Moses" sachgerecht kommentierte und sich unterstand, die israelische Regierungsmeinung zur Herausfuehrung der aethiopischen schwarzen Juden, genannt Falachas, aus dem hungerbedrohten Aethiopien nicht zu teilen, erhob sich heftiger Widerstand. Der Kommentator wurde von seinem Intendanten Reinhold Voeth blind aufgefordert, sich einem deutsch-juedischen Gremium in Bonn zu stellen (also etwas voellig Illegitimes, ein Nicht-Gremium darf den TV-Kommentator zitieren - ein Gremium, in dem Annemarie Renger und Erik Blumenfeld sassen). Das einzige Vergehen, dessen sich Lechleitner schuldig gemacht hatte, war, dass er nicht die Meinung Israels paraphrasierend wiedergegeben hatte. Ich kann mich an diesen Vorgang deshalb noch so genau erinnern, weil ich ein wenig Mit-Taeter war: In einer Situation, in der es in Tigray und Gonder allen Bewohnern Aethiopiens bis zum Verroecheln schlecht ging (es war mitten in der Hungerkrise, in der wir heftig halfen, den Aethiopiern durch Nahrungund Medizin das Ueberleben zu sichern), machte Israel sich daran, exklusiv nur seinen mit-juedischen Schaefchen auf sehr teure Weise die Ausreise zu ermoeglichen. Ich fand das abgeschmackt, wie ich es auch schlimm finde, dass wir uns manchmal so exklusiv um unsere Aussiedler kuemmern - oder jetzt in Angola um Entschaedigungsansprueche fuer die Angola-Deutschen.
 
So geschah es auch Gordian Troeller. Bis in die Sueddeutsche Zeitung reichte die Kampagne. Die geschaetzte Medienseite der SZ brachte einen langen Beitrag von Ellen Hofmann mit dem schoenen Titel: "Wahrheitssuche in vermintem Gelaende". Der Beitrag kritisierte nicht etwa die Unerlaubtheit der Eingriffe des Zentralrats der Juden und der Israelischen Botschaft in Bonn, der juedischen Gemeinde in Bremen und anderswo, sondern bemaengelte, dass der Autor dieser Seite nicht staerker Gehoer verschafft hatte. "Die Problematik von Troellers Beitrag zum Nahostkonflikt besteht nicht darin, dass er Kritik an der Politik des Staates Israel uebt. Troellers Selbstverstaendnis aber ist es, dass 'ich konsequent in allen Laendern gegen Menschenrechtsverletzungen jeder Art zu Felde ziehe'. Von seiner Wut gegen Menschenrechtsverletzungen hat er sich auch diesmal hinreissen lassen, als er von Palaestinensern und Juden berichtete. Aber da der Antisemitismus eine uralte Leidenschaft ist, darf man sich eben nicht hinreissen lassen ..." (SZ vom 14.11.1989). Als ob seine Aussagen irgendetwas enthielten, das man dem Autor als Fehler nachweisen koennte. Dass er die Politik der dauernden Schul- und Universitaetsschliessungen kommentiert, wie wir alle es tun: natuerlich muessen die Palaestinenser so besorgt um ihre Kinder sein, wie wir es sind, wenn in Nordrhein-Westfalen zu viele Schulstunden ausfallen. Wir halten das fuer eine Politik, die leichtfertig die junge Generation verbloeden laesst. Dass es in Israel eine de-facto-, oft auch eine eindeutige de-jure-Apartheid gegenueber Arabern und Palaestinensern gibt, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Aber schlimm ist das fuer alle Freunde Israels, die ihr Israel nicht gern so schaebig, so rassistisch, so ungerecht sehen moechten - und diese verschaemte Liebe zu Israel fuehrt zu der ungeschmaelerten Heftigkeit, mit der Israel an den Massstaeben gemessen wird, die es sich selbst gibt.
 
Der Skandal ist, dass man es dem Zentralrat der Juden und seinem Vorsitzenden ueberlaesst, ueber solche Sendungen ein Urteil zu sprechen, das mehr ist als irgendeine Meinungsaeusserung. Dass es zu einer Debatte darueber kommen kann, ob Gordian Troeller ein Antisemit sei. Dass es einen Beschluss des Fernsehausschusses von Radio Bremen geben muss, in dem konstatiert wird, "Troellers Beitrag kann nicht als antisemitisch eingestuft werden". Waere ich an der Stelle des Kollegen Troeller, wuerde ich mich fuer einen so unverschaemten Persilschein bedanken: "Nach sechsstuendiger Debatte stimmten diesem Urteil alle Rundfunkraete im Anschluss zu, auch der Vertreter der juedischen Gemeinde, Ernst Stoppelmann" (SZ vom 14.11.1989).
 
Ich beneide ihn. Wenn ich nicht das machen wuerde, was ich gern mache (Cap Anamur und Journalismus), wuerde ich auch gern so einen guten kleinen Sender im Ruecken und das Abonnement auf drei Filme sicher haben. Einen Sender, der - nehmt nur alles in allem - so heimelig und solidarisch seinen eigenen Journalisten treu bleibt - und nicht wie das ZDF einen so guten, querkoepfigen Journalisten wie Wolfgang Herles von seinem Stuhl als Bonner ZDF-Studio-Leiter einfach vertreibt, weil der Helmut Kohl das so will... Ich wuerde auch gern eine solche Kolumne haben, das sichere Anrecht auf drei Sendungen pro Jahr oder jeden Monat auf einen Artikel in einer deutschen Wochenzeitung. Aber jetzt traeume ich.
 
Gordian Troeller ragt wie Urgestein, wie vergessenes Inventar einer alten Idee von Fernsehen als kritischer Instanz mit der "oeffentlich-rechtlichen Seele" (Cornelia Bolesch), als Gemeineigentum der Buerger in diese Zeit der Neunziger, in der dieses Medium enteignet, den Buergern so raffiniert weggenommen wurde, dass sie selbst es kaum wahrgenommen haben.
 
Es braucht in dieser Gesellschaft und in diesem Fernsehen Menschen wie Gordian Troeller, die sich ueberfordern, wo ueberall die Mehrheit sich nur noch unterfordert. Es braucht Filmemacher wie diesen Gordian Troeller, die oft uebertreiben, weil so viele andere ausgewogen und behutsam nur noch tiefstapeln und untertreiben.
 
Ich las in der Sueddeutschen Zeitung (21.8.1992) einen Satz von Gordian Troeller: "Keinem Land der Welt laesst man die Chance, sich auf seine Weise zu entwickeln." Doch, lieber Gordian, die Eritreer fragen erst gar nicht, sie nehmen sich diese Chance. Ich denke auch an die Kurden - an die Kurden in Suedkurdistan, nicht an die in der Tuerkei, die haben noch einen langen Weg vor sich. Bei den Kurden habe ich Hoffnung "wider alle Hoffnung". Alles Gute, Gordian Troeller, wir brauchen noch viele Filme, solange es die ARD noch gibt. In der Sprache unseres Nachbarvolkes, das mir von Herkunft her so viel bedeutet, und dessen Sprache ich etwas radebreche, sage ich: "sto filmow"; hundert Filme sollten es doch mindestens werden !

 
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