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BIOGRAPHIE

 
cobizz

Die Autobiografie von Gordian Troeller 2009 ist erschienen. 


Mit diesem Text legt Gordian Troeller Rechenschaft am Ende seines Lebens ab. Er vereint die Darstellung seiner Position in den großen ideologischen Auseinandersetzungen  des 20.Jahrhunderts mit anekdotischen Erinnerungen, spannenden Reportagen und einer kritischen Analyse der Interessen und Machtverhältnisse, die das politische Geschehen in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts geprägt haben. 

 


Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis erlaubt es, einzelne Länder, Epochen oder Themen schnell aufzufinden und unabhängig von den übrigen Kapiteln zur Lektüre auszuwählen.

 


Erhältlich im Buchhandel, bei Amazon oder unter www.gordian-troeller.de

 

Hrsg.: Ingrid Becker-Ross-Troeller

 

206 Seiten,  14,90 €
Pro Business Verlag, Berlin 2009
ISBN: 978-3-86805-315-9

 

 

DIE BIOGRAPHIE IM GESPRAECH ( ALT )

 

Gordian Troeller, Luxemburger, wurde am 16. Maerz geboren. Das Jahr verschweigt er.

 

"Nicht etwa aus Eitelkeit, sondern weil dann alle denken, so und so alt, aha - und sich einbilden, meine Arbeit in eine vorgefertigte Schublade stecken zu koennen."

 

In der Sueddeutschen Zeitung ist er 65, im Spiegel 67 und in der Weltbuehne hat er mittlerweile die siebzig erreicht.

 

"Die haben sich gesagt, wenn er mit 17 von zu Hause weglief, um im Spanischen Buergerkrieg zu kaempfen, dann muss er jetzt etwa 70 sein - vielleicht war er damals aber auch erst 16 oder 15 ..."

 

Im Spanischen Buergerkrieg.

 

Jedenfalls war er ueberzeugt, dass auch Luxemburger sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen und ihn bekaempfen muessen, und er entschliesst sich, Kommunist zu werden. "Ich kam erst gegen Ende des Buergerkrieges in Spanien an, aber es war frueh genug, die Kommunisten am Werk zu sehen. Und das hat mir gereicht. Ich habe erlebt, wie die UdSSR Menschen gegen Waffen ausspielte und ihre Gegner ermorden liess, vor allem Trotzkisten und Anarchisten, die den Monopolanspruch der Partei in Frage stellten. Bruederlichkeit, Menschlichkeit fand ich bei den Anarchisten. Deshalb ist meine Grundhaltung auch heute noch eine libertaere. Aber wenn man das sagt, provoziert man nichts als Missverstaendnisse, denn wer kennt heute noch die Ideen der spanischen Anarchisten, ihre Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft und was sie geschaffen haben? Das hat nichts mit dem zu tun, was man landlaeufig unter Anarchismus versteht. Wie dem auch sei, ich habe mich keiner Theorie, keiner Ideologie verschrieben. Wenn ueberhaupt, dann kann man mir ein gestoertes Verhaeltnis zur Macht in dem Sinne nachsagen, dass ich gegen das Recht des Staerkeren bin. Die Aufteilung der Welt in Herrscher und Beherrschte scheint mir das Grunduebel. Nicht die ideologischen Gegensaetze sind es, die uns in den Abgrund fuehren, sondern ein systemuebergreifendes Prinzip patriarchalischer Selbstherrlichkeit. Fuer mich bedeutet diese Erkenntnis, dass ich keiner herkoemmlichen Ideologie das Wort rede, sondern mich einem - wahrscheinlich utopischen - Humanismus verpflichtet fuehle. Wenn diese Idee sich in meinen Filmen wiederfindet, dann habe ich etwas erreicht."

 

In Portugal

 

Unversehrt aus Spanien zurueck in Luxemburg, flieht Troeller 1940 vor der anrueckenden Wehrmacht und schlaegt sich zu den Alliierten durch. In Portugal baut er fuer sie eine Organisation auf, die die Aktivitaeten des deutschen Geheimdienstes beobachtet und sowohl rassisch wie politisch Verfolgte aus den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas nach Portugal bringt.

 

Unter anderem geht der luxemburgische Historiker Henri Koch-Kent in seinem Buch Annie d'Exil (Luxemburg 1986) auf die Aktivitaeten Troellers im Widerstand ein, und Suzanne Chantal widmet ihm ihren Roman La Chalne et la Trame (Paris 1950), in dem sie seine Arbeit beschreibt.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Erste journalistische Erfahrungen

 

Nach dem Ende des Krieges gruenden Troeller und Norbert Gomand die Zeitung L'Independant, in der sie versuchen, die luxemburgische Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten und die Verantwortlichen - vor allem die amtierenden Minister - zur Rechenschaft zu ziehen. Doch jene sind maechtiger und prozessieren so lange, bis der Independant finanziell am Ende ist.

 

Troeller laesst sich als Korrespondent bei der kanadischen Armee in Deutschland akkreditieren, bereist das befreite Europa und berichtet ueber die Nuernberger Prozesse. Gleichzeitig knuepft er Kontakte zu regionalen Zeitungen in Kanada und verschiedenen Laendern Europas, die sich keinen Auslandsberichterstatter leisten koennen, aber stolz sind, ihren Lesern einen solchen zu praesentieren. Etwa 60 Zeitungen waren bereit, seine Artikel zu kaufen.

 

Als Korrespondent geht er 1946 nach Spanien, um ueber den Untergang des letzten faschistischen Regimes in Europa - das damals in grosser Bedraengnis war - zu berichten.

 

Franco bleibt an der Macht und Troeller landet 1948 im Gefaengnis, weil er einem Fuehrer der baskischen Untergrundbewegung zur Flucht nach Frankreich verholfen hatte.

 

"Eigentlich hatte ich wenig Sympathie fuer den baskischen Untergrund, aber Sabin Barrena war halt mein Freund. Als ich nach dreimonatiger Einzelhaft dem Militaerrichter vorgefuehrt wurde, beschuldigte er mich, einem Feind des Regimes geholfen zu haben. 'Nein, ich habe einen Freund in Not in Sicherheit gebracht', sagte ich. Damals hatten gerade die Kommunisten in der Tschechoslowakei die Macht uebernommen und ich fragte den Richter: 'Wenn Sie heute in Prag Journalist waeren und ein Freund wuerde nachts an ihre Tuer klopfen und sagen: Ich bin in grosser Gefahr, bitte hilf mir - was wuerden Sie tun?' 'Hombre, ich wuerde ihn retten!' - 'Nichts anderes habe ich getan. Ich habe einem Freund die Freiheit, vielleicht sogar das Leben gerettet. Mit Politik hat das nichts zu tun.' Und wie aus der Pistole geschossen antwortete der Richter: 'Hombre, dafuer kann ich Sie nicht verurteilen. Ich werde Sie aber ausweisen muessen, denn die internationale Presse hat Ihren Fall so hochgespielt, dass wir das Gesicht wahren muessen. Sonst koennten Sie hierbleiben'." Das, so meint Troeller, ist - oder war - typisch spanisch.

 

Er wird nach Holland abgeschoben, weil er auch Korrespondent des Algemeen Handelsblat war. In Amsterdam lernt er Marie-Claude Deffarge kennen.

 

Marie-Claude Deffarge

 

"Ich war so in Spanien vernarrt, dass ich den Portier meines Hotels fragte, wo ich im kalten Norden spanische Atmosphaere finden koennte. Er empfahl mir ein Theater, in dem Maria de la Cruz auftrat. Ihre Taenze begeisterten mich und ich wollte sie kennenlernen. Als ich ihr erzählte, daß ich gerade aus einem spanischen Gefängnis kam, setzte sie sich zu mir. Das war sie: Marie-Claude Deffarge. Da sie an der Sorbonne eine wissenschaftliche Arbeit ueber spanischen Tanz schrieb, hatte sie es fuer notwendig gehalten, selbst zu tanzen und aufzutreten, um 'das richtige Gefuehl zu bekommen'. Damals verliebte ich mich in sie und ich konnte sie davon ueberzeugen, fortan mit mir um die Welt zu reisen."

 

Gemeinsam gehen sie 1948 als Wahlbeobachter nach Italien. Gleichzeitig berichtet Troeller ueber die Laender des Balkan, in die er sich von Oppositionellen heimlich einschleusen laesst.

 

Der Verlust der journalistischen Unschuld

 

Als Mossadegh 1952 den Schah aus dem Land jagt, die multinationalen Konzerne enteignet und die Erdoelvorkommen verstaatlicht, antworten die Westmaechte mit Sanktionen, die den Iran in die Knie zwingen sollen. Der erste ernsthafte Nord-Sued-Konflikt scheint sich zu entwickeln und Troeller / Deffarge wollen darueber berichten.

 

"Wir lernten Mossadegh persoenlich kennen und waren oft bei ihm eingeladen. Als er erfuhr, dass Marie-Claude auch Archaeologie studiert hatte, schlug er uns vor, im Auftrag der Regierung einen archaeologischen Fuehrer des Landes zu erstellen. Ein fantastisches Angebot, denn so konnten wir in die entlegendsten Gebiete des Iran reisen."

 

Also fahren sie 26.000 Kilometer durch Persien und fotografieren alles mehr oder weniger Sehenswerte.

 

"Als wir irgendwo zwischen Isphahan und Shiraz eine alte Festung fotografierten, kam ein Reiter des Weges, ein Stammesfuerst, dem wir schon bei Mossadegh begegnet waren. Er sah uns eine Weile zu und sagte dann: 'Ihr seid wie alle anderen Europaeer, die uns besuchen kommen. Euch interessieren nur die Zeugen einer angeblich glaenzenden Vergangenheit. Dass aber all dieser Prunk mit dem Schweiss und dem Blut eines geknechteten Volkes erschaffen wurde, dass Hunderttausende versklavt wurden und viele sterben mussten, um das hier zu bauen, laesst euch kalt. Nach diesen Menschen fragt niemand, sie aber waren das eigentliche Persien. Wenn ihr den Iran verstehen wollt, muesst ihr mit der Bevoelkerung reden, nicht mit den Herrschenden. Dann werdet ihr begreifen, dass die Prunkstaetten, die ihr fotografiert, nicht die Zeugen einer Hochkultur sind, sondern die Grabsteine eines geknebelten Volkes, die Mahnmale einerbarbarischen Zivilisation.' Und er lud uns ein, mit seinem Stamm durch Persien zu wandern.

 

So begleiteten wir die Bassiri, einen Nomadenstamm von etwa 40.000 Menschen, auf ihren Wanderungen. Nach sechs Monaten konnten wir nicht mehr so berichten wie vorher. Wir hatten unsere journalistische Unschuld verloren, wenn man das so nennen kann, die Ueberzeugung naemlich, dass die in den eingeweihten Kreisen der Hauptstaedte gesammelten Informationen der Realitaet entspraechen. Unser Weltbild war zwar erschuettert, doch der Glaube an die zivilisatorische Ueberlegenheit der westlichen Welt, unser Eurozentrismus, war noch nicht ueberwunden. Und im nachhinein weiss ich auch warum. Wer waren wir schon als Journalisten und wer sollte uns ernst nehmen, wenn wir nicht aus der Sicht westlichen Ueberlegenheitsanspruchs urteilten und verurteilten? Wir mussten bekannt werden, Spezialisten der Dritten Welt sozusagen, Autoritaeten, um ungehindert das sagen zu koennen, was uns langsam zur Gewissheit wurde: die kulturelle und wirtschaftliche Verelendung der sogenannten Entwicklungslaender durch den westlichen Fortschrittsimperialismus. - Das gelang uns spaeter beim Stern."

 

Fuer die Revue bei der griechischen Koenigin

 

Bis 1958 bleiben Troeller und Deffarge im Mittleren Osten. Sie berichten aus dem Irak, aus Syrien, dem Libanon, der Tuerkei und dem Iran. Nachdem ihr Buch Persien ohne Maske (Berlin 1958) erschienen ist, wird Troeller von Peter Boenisch, damals Chefredakteur der Revue, eingeladen, die Auslandsabteilung der Illustrierten zu uebernehmen.

 

"Wir Deutschen haben noch keine Auslandserfahrung", sagte Boenisch. "Sie sollen uns beraten und koennen Reportagen machen, wo immer Sie wollen."

 

Troeller sagt zu. Er besucht Albert Schweitzer, begleitet de Gaulle auf seiner Dekolonisierungsreise durch Afrika, berichtet ueber die Revolution im Irak und die Haifische im Persischen Golf.

 

"Eines Nachts wurde ich um vier Uhr aus dem Bett geholt. Krisensitzung der Redaktion im Beisein Kindlers, des Besitzers der Revue. Die Illustrierte hatte eine Fotomontage mit der griechischen Koenigin veroeffentlicht und diese drohte mit Prozessen. 'Sie sind unser Auslandsexperte, was schlagen Sie vor?' fragte man mich. 'Wieviel sind Sie bereit zu zahlen?' wollte ich wissen. Konsternation bei der gesamten Redaktion. 'Wollen Sie eine deutschstaemmige Koenigin kaufen?' - 'Nicht direkt' meinte ich und erklaerte, welche Erfahrungen ich mit der Bestechlichkeit hoher und niederer Beamten rund ums Mittelmeer gemacht hatte."

 

Man laesst ihn nach Athen fahren, und mit 30.000 Mark wird die Sache beigelegt. Als er zurueckkommt, wird er zum stellvertretenden Chefredakteur befoerdert.

 

Reportagen fuer den Stern

 

Aber der Redaktionsalltag macht ihm zu schaffen. Er will wieder reisen, wieder in den Mittleren Osten. Als ihm die Carnegiefoundation anbietet, im Iran eine Studie ueber internationale Konflikte zu erstellen, packt er seine Koffer.

 

"Am Vorabend meiner Abreise rief Henri Nannen, Chefredakteur des Stern, an und fragte, ob ich nicht fuer den Stern arbeiten wollte. Wenn ich schon vorhaette, per Auto ueber Paris in den Iran zu reisen, waere ein Abstecher ueber Hamburg doch kein grosser Umweg. - Gesagt, getan."

 

Bis 1970 arbeiten Troeller/Deffarge als Reporterteam fuer den Stern. Schwerpunkt: Dritte Welt und die dortigen Befreiungsbewegungen. In zehn Jahren lernen sie fast alle kennen: in Kuba, Vietnam, Kurdistan, Dhofar, Palaestina, Biafra, Sudan, Eritrea, Nord- und Suedjemen, Algerien. Ihre kritischen Berichte und Fotoreportagen tragen zur Auflagensteigerung des Stern bei und bald schon koennen sie von jeder Reise eine Serie, das heisst vier bis sechs Artikel, veroeffentlichen. So berichten sie ueber Sizilien und die Mafia, ueber den Schah von Persien und seine "Weisse Revolution". Aus der Karibik schreiben sie einen sechsteiligen Bericht unter dem Titel Zwischen Kennedy und Castro und ein Bericht aus Brasilien traegt bereits 1962 die Ueberschrift Bauernmord durch Entwicklungshilfe.

 

Ihre kritische Berichterstattung bleibt nicht ohne Folgen. In vielen Laendern werden beide zur "persona non grata" erklaert: Im Iran, in Brasilien, in Nicaragua und Haiti, in Spanien und Gabun, in Madagaskar und Indien. Eine sechsteilige Serie ueber Frankreich waehrend des Algerienkriegs fuehrt dort zu einem mehrwoechigen Auslieferungsverbot des Stern. Daraufhin meint Henri Nannen besorgt, ob sie nicht weniger heisse Eisen anfassen koennten.

 

Ueber journalistische Unabhaengigkeit

 

Sie hatten schon oft mit dem Gedanken gespielt, weltweit das System zu untersuchen, dem sie die Verantwortung fuer alle Unterdrueckungs- und Ausbeutungsmechanismen geben: die patriarchalische Ordnung.

 

"Wir schlugen Nannen also vor, die Situation der Frau in verschiedenen Kulturen zu untersuchen. Er sagte begeistert zu, denn er hatte immer ein Gespuer fuer den sogenannten Zeitgeist. Damals naemlich, Mitte der sechziger Jahre, begann das, was man noch euphorisch die 'sexuelle Revolution' nannte, und was heute in Porno-Filmen in Sat1 und RTLplus seinen traurigen Hoehepunkt erreicht hat. Wir erhielten also gruenes Licht fuer die Serie Frauen der 'Welt, die mit insgesamt 26 Folgen zum Verkaufsschlager wurde."

 

Auch andere europaeische Zeitungen und Zeitschriften uebernehmen die Reportagen von Troeller /Deffarge, wie LeMonde, The Observer, Realite, Le Monde Diplomatique. Das Team hat erreicht, was es sich vorgenommen hatte: so erfolgreich zu sein, dass es sich nicht mehr an den Vorgaben meinungsbildender Renommierblaetter zu orientieren brauchte, um als "gute Journalisten" zu gelten. Troeller hat selbst erfahren, wie Journalisten und ihre Berichterstattung manipuliert werden koennen.

 

"Wir kamen aus dem Nordjemen zurueck, wo die Royalisten gegen die Republikaner kaempften. Dort hatten wir El Badr, den totgesagten Imam interviewt und waren vier Wochen lang durch royalistisches Gebiet geritten. Wir waren die ersten und lange Zeit die einzigen Journalisten in diesem Gebiet. Der Stern konnte nicht sofort mit der Serie ueber den Nordjemen beginnen, aber der Observer hatte schon einen Artikel von uns veroeffentlicht und die Redaktion meinte, man solle wenigstens in einem kurzen Artikel die Brisanz unserer Erfahrungen ankuendigen. Ich schrieb also den gewuenschten Artikel und fuhr anschliessend nach Paris. Als ich zurueckkam, traute ich meinen Augen nicht. Der Bericht war voellig veraendert worden. Nichts stimmte mehr. Was war geschehen? Der zustaendige Redakteur hatte Newsweek und New York Times gelesen, sich mit Reuter, AFP, DPA und den arabischen Agenturberichten, wie er meinte, klug gemacht und genau das Gegenteil dessen zu Papier gebracht, was ich geschrieben hatte, obwohl er wusste, dass wir die einzigen waren, die vor Ort recherchiert hatten. Es kam ihm nicht in den Sinn, sich zu fragen, ob diese Medien nicht benutzt wuerden, um 'Meinung zu machen'."

 

Im Jemen: Der erste Film

 

"Warum wir in den Nordjemen kamen, ist eine Erklaerung wert. Wir hatten uns im Auto auf den Weg gemacht, um eine Serie ueber den Nahen Osten zu schreiben und waren in Beirut angekommen. In unserem Hotel wohnte auch Eric Rouleau, ein Freund, der fuer Le Monde arbeitete. Er war mit drei Reportern von Life verabredet, die gerade aus dem Jemen zurueckgekommen waren, und wir schlossen uns ihm an.

 

Da sassen nun diese drei jungen Maenner und beklagten sich: Sie hatten es ohne Schwierigkeiten bis zur jemenitischen Grenze geschafft, denn Saudiarabien wollte der Weltoeffentlichkeit unbedingt zeigen, dass der Imam El Badr nicht, wie von den Republikanern behauptet, umgekommen war, sondern persoenlich den Kampf der Bergstaemme anfuehrte. Als die Life-Reporter an der Grenze von Jemeniten in Empfang genommen und in einen Jeep der Royalisten gesetzt worden waren, wollten sie doch erst einmal sehen, wie das Vehikel, dem sie ihr Leben anvertrauen sollten, beschaffen war. Sie stellten fest, dass es technische Maengel hatte und dass auch die Reifen ohne Profil waren und womoeglich nach wenigen Kilometern platzen wuerden. Daraufhin beschlossen sie, die Reise abzubrechen und nach Beirut zurueckzukehren. Und hier sassen sie nun, im besten Hotel, enttaeuscht, aber ueberzeugt, das einzig Richtige getan zu haben.

 

Ihr Versagen gab uns die Chance, in den Nordjemen zu gelangen. Am naechsten Tag gingen wir zur saudiarabischen Botschaft. Unsere Argumentation war einfach: 'Was die Life-Korrespondenten verpatzt haben, koennen wir wieder gutmachen. Der Stern ist ebenso wichtig wie Life; gebt uns ein Visum und wir berichten ueber El Badr und seine Gefolgsleute.' In wenigen Minuten hatten wir das Visum. Sogar der Botschafter empfing uns, um uns eine gute Reise zu wuenschen, und zwei Tage spaeter waren wir an der jemenitischen Grenze. Dort warteten 4.000 Krieger auf uns und schrien 'Long live Life'. So sollten sie die Amerikaner begruessen, aber wir klaerten das Missverstaendnis auf. 'Long live Stern', toente es dann aus allen Kehlen.

 

Nach vier Wochen kamen wir nicht nur mit einer guten Reportage zurueck, wir hatten auch einen Film gedreht, unseren ersten. Er lief im franzoesischen Fernsehen in der Sendereihe Cinq Colonnes a la Une unter dem Titel Une Frangaise chez les Guerriers du Yemen."

 

Eurozentrismus verlernen

 

Die eurozentrische Sichtweise sei auch fuer ihre Arbeit lange Zeit bestimmend gewesen, meint Troeller. Einige Erlebnisse aber haben ihr Weltbild entscheidend veraendert und ihnen das Verhaengnisvolle am europaeischen Ueberlegenheitsgefuehl bewusst gemacht.

 

"Es geschah vor etwa 20 Jahren. Die schwarze Bevoelkerung des Suedsudan hatte sich gegen die Herrschaft des arabischen Nordens erhoben. Wir wollten einen Film bei den Rebellen drehen und mussten heimlich von Uganda in den Sudan geschleust werden. Sieben Maenner und vier Frauen vom Stamm der Kakua erwarteten uns am Ufer des Flusses, der hier die Grenze bildet. Die Frauen trugen nur Lendenschurze. Der Rest ihrer 'Bekleidung1 bestand aus rituellen Narben. Wir mussten durch den Fluss schwimmen. Die Frauen nahmen Marie-Claude in ihre Mitte, die Maenner schwammen neben mir. Es gab Komplikationen mit Treibholz und Krokodilen und wir konnten nur mit groesster Anstrengung ans andere Ufer gelangen. Dort umarmten wir uns. Eine ruehrende Szene, die nach Bruederschaft aussah. Anschliessend wurde im Wald gegessen, aber da waren wir wieder getrennte Gruppen. Wir sassen auf einer Zeltbahn und unsere Begleiter hockten 20 Meter entfernt auf dem Boden. Obwohl wir sie immer wieder aufforderten, sich zu uns zu setzen, lehnten sie ab. Am naechsten Tag war es nicht anders. Doch diesmal machten wir nicht den Fehler, sie zu bitten, sondern nahmen unser Essen und setzten uns zu ihnen. Die Diskussion, die hierdurch ausgeloest wurde, dauerte die ganze Nacht.

 

Sie hatten uns das Leben gerettet, doch mit uns zu essen, das glaubten sie nicht zu duerfen. Einer so intimen Beziehung fuehlten sie sich nicht wuerdig. Nach langem Gespraech kam es an den Tag: sie waren ueberzeugt, keine richtigen Menschen zu sein, hoeher entwickelte Affen vielleicht. Aber Menschen nicht. Noch nicht. Das hatten Missionare ihnen gesagt. Dieses 'Noch-nicht-Sein', als Vorbild aufgezwungen, gepredigt oder vorgelebt, diktiert ihr Verhalten. Verinnerlichung der vom Westen geformten und dank seiner materiellen Ueberlegenheit akzeptierten Ueberzeugung, dass die menschliche Entwicklung nur in eine Richtung gehen koenne: in die von Europa vorgezeichnete. Im Suedsudan wurde dies in dramatischer Weise erlebt und ausgesprochen.

 

Wir hatten uns einiges ueber die Kakua angelesen. Ein paar italienische Missionare, ein englischer Ethnologe und zwei weisse Soeldner waren hier gewesen. Die Missionare hatten erklaert, dass alle Schwarzen mit unsichtbaren Affenschwaenzen auf die Welt kaemen, die erst abfielen, wenn sie sich taufen liessen. Erst dann koennten sie sich langsam zu wahren Menschen entwickeln. Auch Lesen und Schreiben muessten sie zunaechst einmal lernen. Die Regierung in Khartum hatte die Missionare vertrieben und die Islamisierung des Suedens befohlen. Wieder wurde den Kakua gesagt, dass sie keine Menschen seien, solange sie Mohammeds Lehren nicht befolgten. Viele wurden zwangsbekehrt. Auf Widerspenstige wurde Jagd gemacht wie auf wilde Tiere. Die Fragen des Ethnologen waren wie richterliche Verhoere im Gedaechtnis haften geblieben. Der Einfluss der Soeldner hingegen war eher ein guter, denn sie waren gekommen, um diesen Menschen zu helfen, ihre Lebensart zu erhalten. Sie hatten den Maennern beigebracht, mit modernen Waffen umzugehen.

 

All das wurde uns in dieser Nacht erzaehlt und immer wieder hiess es: Was haben wir nur getan? Welche Schuld haben wir auf uns geladen? Warum haben uns boese Maechte so arg mitgespielt?

 

Solche Fragen waren vor der Ankunft der Araber und Europaeer nicht gestellt worden. Es hatte Nachbarn gegeben, die anders waren, etwas heller oder dunkler, vielleicht tuechtiger im Jagen oder weniger vertraut mit den Tieren. Sie hatten ihre Taenze und Sitten und man hatte seine eigenen. Man konnte von anderen lernen, aber Vorbild waren sie nicht. Mit dieser Arroganz traten erst die Araber und Europaeer auf. Aus dem 'Nicht-so-sein' wie andere wurde das 'Noch-nicht-so-sein'."

 

Scherzverwandtschaft

 

"Was konnten wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Worte koennen Situationen klaeren, aber Verhalten nicht aendern. Durch Zufall hatten wir die einzige Beziehung hergestellt, die das Minderwertigkeitsbewusstsein aufheben konnte: die 'Scherzverwandtschaft'. Sie ist in vielen Kulturen ueblich. Durch Scherze, Bloedeleien und Schabernacks werden Situationen geschaffen, in denen niemand sich mehr ernst nimmt oder ernst genommen werden will. Wir nennen sie 'Wilde' und 'Neger', sie uns 'Besserwisser' und 'Imperialisten'. Alle Vorurteile werden ausgesprochen und direkt auf die Person bezogen. Schon nach wenigen Tagen haben all diese Vorurteile ihren Sinn verloren. Jeder ist gleich viel wert. Der Einfallsreichtum unserer 'Scherzverwandtschaft' wuchs taeglich. Als wir auch noch Laeuse kriegten und uns taeglich lausten, war der Mythos von der menschlichen Ueberlegenheit der Weissen dahin. Die Kakua konnten uns als Gleiche in ihre Familie aufnehmen und geweint haben wir alle, als wir uns nach sechs Wochen trennen mussten.

 

Fast ueberall konnte in traditionellen Gesellschaften ein partnerschaftliches Verhaeltnis nur dank der scherzhaften Ueberspitzung der Vorurteile hergestellt werden. Oft ging die Initiative von ihnen aus, zaghaft immer, aber wenn man einmal ein Gespuer dafuer hat, kann einem die Absicht nicht entgehen. Es ist ein Angebot der Freundschaft und jedesmal geht Erleichterung durch die Gruppe, wenn man zurueckfrotzelt und damit kundtut, dass die angebotene Verwandtschaft akzeptiert wird."

 

Ueber das Filmen

 

"Filmen kann man unter solchen Bedingungen, ohne fuerchten zu muessen, etwas zu verfaelschen. Die Kamera gehoert zum 'Scherzverwandten1 genauso wie sein Arm und seine Augen. Er nimmt durch das Objektiv am taeglichen Geschehen teil. Aber stellen darf man keine Szene, wiederholen, was eindrucksvoll und typisch schien. Dann fuehlen sich die Beteiligten wieder unter Aufsicht, als Objekt, und keine Bewegung stimmt mehr. Ja, es zerstoert sogar das Vertrauensverhaeltnis, das sich langsam entwickelt hat. Ploetzlich wird die Kamera eine Autoritaet, die diktiert, was getan werden soll - und sogar wie. Deshalb lasse ich nie eine Szene stellen. Sie kann die Realitaet nicht wiedergeben, sie wird zum Theater - nicht nur in traditionellen Gesellschaften, sondern ueberall.

 

Ich arbeite mit einer leichten Kamera, die ich unterwegs fast nie aus der Hand lege. Ich bin der 'Mann mit dem grossen Auge'. Ich benutze auch nie ein Stativ. Es erlaubt vielleicht schoene Bilder und gekonnte Effekte, aber um die Wirklichkeit einzufangen, muessten die drei Beine unsichtbar sein und laufen koennen. Ich nehme auch nie Licht mit. Wenn es dunkel wird, setzt man sich gemuetlich hin und plaudert. Dann erfaehrt man mehr als in gut gefuehrten Interviews."

 

Auch die Tatsache, dass sie immer nur in einem kleinen Team unterwegs sind und nie als 'das Fernsehen' auftreten, beschreibt Troeller als wichtige Voraussetzung, um Kontakte herzustellen und eine vertrauensvolle Atmosphaere zu schaffen. Er hat frueh die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, dass das Team aus einem Mann und einer Frau besteht. "Als Mann", sagt er, "bekomme ich kaum Kontakt zu den Frauen, so dass mir Einsichten und Erkenntnisse ueber die Haelfte der Menschheit verborgen bleiben wuerden."

 

Noch-nicht-so-sein

 

"Unser immer noch schwelender Eurozentrismus wurde durch ein anderes Erlebnis endgueltig erschuettert.

 

Wir hatten das Glueck, den Jemen zu besuchen, bevor das Land sich der Außenwelt oeffnete. Kontakte zu ihren Nachbarn pflegten die Jemeniten zu haben, doch niemand hatte sie erobert und ihnen seine Kultur als die bessere aufgezwungen. Wir standen Menschen gegenueber, die keinen Grund hatten, ihre Lebensart zu rechtfertigen. Was sie taten, war richtig und was wir taten, akzeptierten sie als unsere Eigenart. Wir handelten verschieden, doch wir waren Gleiche. Kein Jemenit schaemte sich, dem getoeteten Feind die Ohren abzuschneiden, und niemanden erstaunte es, dass wir uns die Zaehne mit Buersten putzten. Wir filmten, sie schossen, wir schrieben, sie bestellten ihre Aecker, tanzten und gingen ihren Geschaeften nach.

 

Auch die Scherzverwandtschaft war hier sehr beliebt. Aber sie hatte nicht die gleiche Funktion wie im Sudan. Es ging nicht darum, Minderwertigkeitsgefuehle abzubauen, sondern darum, Unterschiede spielerisch zu ueberbruecken.

 

Filmen war ein Vergnuegen. Ich legte an, genau wie sie mit ihren Gewehren. Nur bei mir knallte es nicht. Ich brauchte halt ein grosses Auge, um besser sehen zu koennen. Und da die Jemeniten noch nie einen Film gesehen hatten, sich noch nie mit anderen vergleichen mussten, konnten sie gar nicht anders sein als sie selbst.

 

Im Gegensatz zu den Kakua, die zu Minderwertigen gestempelt worden waren und sich als solche fuehlten, waren die Jemeniten mit sich selbst zufrieden, ja stolz, so gute Krieger, Bauern und Moslems zu sein. Gottes Lieblinge sozusagen, genau wie wir.

 

Zehn Jahre spaeter kamen wir in den Jemen zurueck. Das Ergebnis der Oeffnung, der 'Modernisierung', war erschuetternd. Diesmal mussten wir Scherzverwandtschaft wie im Sudan spielen, um mit alten Bekannten noch verkehren zu koennen. Filmen war schwer geworden. Wenn wir die Kamera hoben, winkten sie erst einmal ab, verschwanden im Haus und kamen in ihren besten Kleidern zurueck. Was nach den eingefuehrten Kriterien arm und rueckständig wirkte - und das war jetzt ihr ganzes Leben - beschaemte sie.

 

Frueher hatten sie keine Armut gekannt und auch jetzt gab es noch genug zu essen, aber sie fuehlten sich verarmt. Auch ihre Gesten stimmten nicht mehr und was sie sagten, klang falsch. Bewusstsein hatte sich eingeschlichen, das Bewusstsein naemlich, 'noch nicht zu sein' wie Zivilisierte laut Muster sein sollten.

 

Das hatte die Modernisierung geschafft, die auch wir 1962 noch befuerwortet hatten. Damals berichteten wir ueber die Revolution der Militaers und hatten noch alle gaengigen Vorurteile im Kopf: ein feudales System, ein mittelalterlicher Herrscher, sein Sturz war nur zu begruessen. Endlich konnte das Land ins 20. Jahrhundert gefuehrt werden und sich der Welt oeffnen. Selbstverstaendlich ergriffen wir Partei fuer die Revolutionaere und berichteten so ueberzeugend, dass die Bundesrepublik als erster westlicher Staat die Arabische Republik Jemen anerkannte.

 

Ein Jahr spaeter hatten wir das Glueck, anstelle der Life-Reporter zu den Royalisten zu kommen, die die Republik bekaempften, und wenige Monate danach wieder zu den Revolutionaeren zurueckzukehren. Und langsam begannen wir zu begreifen: Wir hatten es keineswegs mit einer rueckstaendigen Gesellschaft zu tun. Die sechs Millionen Einwohner lebten zwar nicht im Ueberfluss, aber sie hatten alles, was sie brauchten. Die Architektur war prachtvoll, reiner Luxus. Wir hatten gelesen, dass die meisten Jemeniten Analphabeten seien, doch die kleinsten geschaeftlichen Vereinbarungen wurden auf Papier festgehalten. Nur gab es keine Institution, die, wie bei uns die Schule, das Monopol der Wissensvermittlung hat. Man lernte von den Eltern, was man zum Leben brauchte. Es gab keine Armen, keine Bettler, keine Slums. Der Binnenmarkt deckte alle Beduerfnisse der Bevoelkerung. Dennoch hatten wir fuer die Revolution Partei ergriffen. Wir glaubten an das, was im Westen als Fortschritt gilt.

 

Zehn Jahre spaeter war die Landwirtschaft ruiniert, ueberall herrschte Korruption, praechtige Bauten waren dem Erdboden gleichgemacht worden, um Strassen fuer die jetzt eingefuehrten Autos zu bauen und moderne Hotels fuer Touristen. Auch das Berufsethos fiel dem 'Fortschritt' zum Opfer. Frueher sorgten strenge Regeln fuer die Sicherung der Chancengleichheit. Alle Mitglieder eines Berufsstandes hatten die gleichen Rechte und Pflichten. Von jetzt an entschied allein die Konkurrenz. Was wir zunaechst als Beginn der 'Entwicklung' gefeiert hatten, war in Wirklichkeit der Beginn der Unterentwicklung."

 

Verarmungshilfe

 

"Es fiel uns wie Schuppen von den Augen und wir praegten den Begriff der 'Vor-Unterentwicklung'. So bezeichneten wir einen Zustand, in dem die Wirtschaft eines Landes ausschliesslich auf die Beduerfnisse der Bevoelkerung ausgerichtet ist. Erst wenn ein Land in den Welthandel eingeklinkt wird, wenn seine Wirtschaft den Gesetzen des Weltmarkts ausgeliefert ist, erst dann beginnt jener Prozess, den wir heute Unterentwicklung nennen.

 

Diesem Aspekt der 'Unterentwicklung durch Modernisierung' widmeten wir eine ganze Fernseh-Reihe, der wir den Titel Im Namen des Fortschritts gaben. Die unaufhaltsam fortschreitende kulturelle und wirtschaftliche Verarmung der Massen in den sogenannten Entwicklungslaendern bestaetigt unsere damaligen Analysen.

 

Der real-existierende Sozialismus hat Pleite gemacht. Er war ja nichts anderes als ein Staatskapitalismus, der nicht weniger fortschrittssuechtig war als der real-existierende Kapitalismus und sich ebensowenig um das Wohl der Menschen kuemmerte. Dass der Kapitalismus jetzt triumphierend seinen Sieg feiert, ist ein Hohn, denn seinen Erfolg im Norden der Erde zahlen zwei Drittel der Menschheit mit fortschreitender Verarmung und mit Millionen von Hungertoten. Nicht von ungefaehr sprechen Autoren der Dritten Welt von einem schleichenden Holocaust."

 

Beziehungen und Zusammenarbeit

 

Das Weltbild von Troeller/Deffarge wurde nicht nur durch eigene Erfahrungen und Recherchen gepraegt. Sie hatten auch das Glueck, Menschen zu begegnen, die ihnen halfen, diese zu ordnen. Die wichtigsten sind Francois Partant, Ingrid Becker-Ross, Ivan Illich, Francisco Juliao, Silvia Perez Vitoria, Marie-Christine Aulas. Sie waren oft Mitarbeiter und wurden zu Freunden.

 

Francois Partant war entscheidend an den ersten Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts beteiligt. Ingrid Becker-Ross hat alle Filme der Reihen Frauen der Welt und Kinder der Welt mitgestaltet, und bei etlichen Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts war sie ebenfalls beteiligt.

 

1974 trennen sich Troeller/Deffarge als Paar. Marie-Claude Deffarge geht nach Paris, sie arbeiten aber bis zu ihrem Tod 1984 weiter zusammen.

 

Mittlerweile ist Ingrid Becker-Ross Troellers Lebensgefaehrtin geworden und, obwohl Troeller behauptet, er habe mit der Ehe wenig im Sinn, heiraten sie 1986.

 

"Wir reisen ja nicht, um festzustellen, daß unsere Thesen stimmen"

 

Dass die gemeinsam erarbeiteten Thesen, auf denen die Aussagen der Filme basieren, hinterfragt und korrigiert werden muessen, beschreibt Troeller so:

 

"An Ort und Stelle gehen wir davon aus, dass sich vieles veraendert hat, die erarbeitete Dokumentation oder die bisherigen Erfahrungen moeglicherweise ueberholt sind. Wir gehen ja nicht auf Reisen, um festzustellen, dass unsere Thesen stimmen. Wir koennen durchaus verwirrt sein, wenn unsere Arbeitshypothesen nicht stimmen, aber wir sind nicht ungluecklich darueber. Uns geht es darum, aus neuen Situationen Neues zu lernen.

 

In Tansania zum Beispiel haben sich unsere Ausgangsthesen nicht bestaetigt. Bei unserem ersten Besuch 1964 hatte uns Tansania begeistert. Zehn Jahre spaeter, als wir den Film Zum Teufel mit der Schule drehen wollten, machte es uns traurig. Die wirtschaftliche Lage, die menschlichen Beziehungen, die Korruption - alles war jetzt katastrophal. Daran konnten auch die gutgemeinten Schulversuche in den Ujama-Doerfern nichts aendern. Wir haben daraus gelernt, dass eine soziale Veraenderung nicht zu erzielen ist, solange das Wirtschaftssystem nicht veraendert wird. Deshalb musste die Schulreform, die Nyerere in Angriff genommen hatte, scheitern. Wir haben das sehr deutlich gesagt, auch wenn wir darueber nicht gluecklich waren. Nach diesem Film wurden wir von Nyerere-Fans heftig angegriffen. Aber sollten wir einem Mythos aufsitzen? Uns schien es wichtiger, zu zeigen, was wir gelernt hatten: dass eine Gesellschaft sich nicht veraendern kann, wenn das Wirtschaftssystem und die Beziehungen zu den reichen Laendern die gleichen bleiben. Nyerere war der Gefangene einer neuen Bourgeoisie geworden, die ihre Privilegien ausbaute, anstatt an das Wohl der Bevoelkerung zu denken."

 

Erste Filme - erste Probleme

 

Das Filmen begann fuer Troeller/Deffarge eigentlich durch Zufall. Sie machten eine Reportage bei den Turkmenen an der sowjetisch-iranischen Grenze. Troeller hatte eine kleine Filmkamera dabei, waehrend Marie-Claude Deffarge fotografierte. Als sie die Ergebnisse ihrer Arbeiten verglichen, wurde ihnen klar, dass sie sich mehr aufs Filmen verlegen sollten.

 

"Die Fotos waren schoen, ja, hinreissend, aber sie unterschlugen die Realitaet. Der Film hingegen verheimlichte nichts: die Kroepfe, das Elend, die aufgetriebenen Leiber. Mit dem Fotoapparat sucht man in erster Linie das aesthetische Bild, das Besondere, den Reiz des Lichts. Mit der Filmkamera hingegen muss man auch mal die Gesamtheit zeigen und dann entdeckt man, was schoene Bilder oft verdecken: die Wirklichkeit. Von nun an nahm ich immer eine Filmkamera mit und so entstanden in Zusammenhang mit den Fotoreportagen fuer den Stern eine ganze Reihe von Filmen."

 

Einige werden von der BBC ausgestrahlt (Jemen, Dhofar, Suedsudan), aber Hauptabnehmer ist das franzoesische Fernsehen. Die Zusammenarbeit laeuft problemlos, bis Troeller/ Deffarge 1972 einen Film in Madagaskar drehen, einer frueheren franzoesischen Kolonie. In ihrem Film gehen sie nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern auch auf die Folgen der Kolonisation ein und lassen Menschen zu Wort kommen, die direkt davon betroffen waren.

 

"So erzaehlt ein Mann vom Volk der Antandroy, zu welchen Exzessen die Logik der Kolonisierung fuehren kann. Dank eines Riesenkaktus, dem Rakket, hatten die Antandroy fuer sich und ihre Rinderherden eine optimale Existenzmoeglichkeit gefunden. Die Menschen ernaehrten sich von den Fruechten der Kakteen und von der Milch und dem Fleisch ihrer Tiere. Waehrend der Trockenzeit konnten die Rinder dank der saftigen Kakteen ueberleben. Aus der Sicht der Kolonialherren hatte dieses System einen grundlegenden Fehler: die Antandroy hatten es nicht noetig, fuer Fremde zu arbeiten. Und da sie Dickkoepfe sind, konnte auch die Kopfsteuer sie nicht dazu bewegen. Sie versteckten sich einfach im Labyrinth ihrer Kakteenfelder, aus denen selbst die gefuerchteten Kolonialtruppen aus dem Senegal sie nicht vertreiben konnten. Daraufhin fuehrten die Franzosen ein Insekt ein, die Schildlaus. Innerhalb von zwei Jahren zerstoerte sie alle Kakteen der Gegend. 300.000 Rinder starben. Eine Hungersnotbrach aus, die bis heute anhaelt.

 

In Frankreich war der amerikanische Einsatz von Entlaubungsmitteln in Vietnam heftig kritisiert worden. Dass aber die Franzosen selbst schon Jahrzehnte vorher aehnliche Mittel angewandt hatten, um die Lebensgrundlage eines Volkes zu zerstoeren, durfte im franzoesischen Fernsehen nicht gesagt werden."

 

Der Film Die Revolution der kleinen Leute, 1973 in Madagaskar gedreht, wird abgelehnt. Troeller/Deffarge kommen auf eine 'Schwarze Liste' und koennen anschliessend keine Filme mehr im franzoesischen Fernsehen unterbringen.

 

Keine Zeit zum Traeumen: Film - Bild - Kommentar

 

Seit 1970 widmet sich Troeller ausschließlich dem Film. Damit verbinden sich andere Arbeitsweisen, aber auch andere Ansprueche und Erwartungen seitens des Publikums.

 

"Ich hatte als schreibender Journalist begonnen, aber sehr bald erkannt, dass die Dritte Welt mit Worten allein nicht darzustellen ist. Bilder sind notwendig. Also begannen wir, unsere Berichte mit Fotografien zu illustrieren und landeten beim Stern.

 

Fuer eine Reportage waren wir meist vier bis sechs Wochen unterwegs und konnten anschliessend schreiben, soviel wir wollten: vier bis sieben Folgen, je nachdem, wieviel Material wir mitbrachten. Fuer jede brauchten wir ein paar 'starke Aufmacherfotos', um die Leser neugierig zu machen, und mehrere Bilder fuer den Text. Diese mussten keineswegs belegen, was im Text stand. Sie waren hauptsaechlich der Beweis, dass wir vor Ort gewesen waren und gewissenhaft recherchiert hatten.

 

Die Fernsehnorm fuer Dokumentarfilme hingegen stellt mich vor Anforderungen, die kaum zu bewaeltigen sind. Da soll in 45 - und neuerdings sogar in nur 30 Minuten - schluessig belegt werden, was in langen Recherchen ermittelt wurde. Vor allem sollen auch noch die Bilder das beweisen, was im Kommentar gesagt wird. Da ich grundsaetzlich keine Szene stelle, kommt es schon vor, dass sich Bild und Text nicht gegenseitig belegen. Bei Reiseberichten oder Propagandafilmen ist das einfach, bei wirtschaftlichen und politischen Analysen hingegen ganz unmoeglich.

 

Man wirft mir auch vor, zu dicht zu texten, den Kommentar zu ueberladen. Die Puristen sind der Meinung, dass ein Dokumentarfilm hauptsaechlich von der Aussagekraft des Bild- und Tonmaterials leben sollte und deshalb letztlich auf den Kommentar verzichten muesste. Wenn ich einen Film ueber die Bundesrepublik drehen wuerde, wo die Zuschauer mit der Situation vertraut sind, wuerde auch ich vermutlich weniger sagen. Wenn es jedoch um Fremdes, um die Problematik der Dritten Welt geht, werden kommentarlos ablaufende Bilder die bestehenden Vorurteile nur untermauern. Das heisst, dass der Zuschauer das wenige, das er auf diesem Gebiet weiss, auf die Bilder projiziert und sich in seinen Vorurteilen bestaetigt fuehlt. Wenn zum Beispiel ein Landarbeiter im Nordosten Brasiliens von der Misere seiner zehnkoepfigen Familie spricht und sagt, dass sie langsam verhungern, dann muss ich die Zusammenhaenge erklaeren, die fuer das Elend verantwortlich sind, sonst naemlich sagt sich der Zuschauer: der soll mehr arbeiten und nicht so viele Kinder zeugen, der ist doch selbst an seinem Elend schuld. Ich muss auch erklaeren, dass dieser Mann und seine Familie tatsaechlich chronisch unterernaehrt sind, denn Unterernaehrung sieht man den Menschen meist nicht an.

 

Oder in einem Fluechtlingslager in Mosambik. Was soll ich da filmen? Die Menschen sind einfach kaputt. Seelisch und koerperlich. Unsere Bilder koennen das kaum vermitteln. Menschliches Leid stellt sich in jedem Kulturkreis anders dar. Dort weniger deutlich fuer uns, denn unsere Lebensbedingungen, unsere Erwartungen sind nicht uebertragbar. Auch das muss gesagt werden.

 

In einem Kino in Paris lief einmal unser Film ueber den Iran Die Weisse Revolution. Nach der Vorfuehrung rief eine Zuschauerin : 'Das ist unertraeglich. Ihr lasst uns keine Zeit, ueber den Bildern zu traeumen.' Und Marie-Claude Deffarge antwortete: 'Genau das ist unsere Absicht. Ihr sollt keine Zeit zum Traeumen haben. Dann naemlich steigen in euch jene Klischees auf, die die Regenbogenpresse und andere Medien euch in den Kopf gesetzt haben. So zu traeumen heisst, sich der Wirklichkeit zu entziehen.

 

Es heisst auch immer wieder, wir sollten die Menschen in unseren Filmen mehr zu Wort kommen lassen und selbst weniger reden. Ich berichte aus einer Welt, die der Zuschauer nicht kennt, und die, ueber die ich berichte, kennen die Welt des Zuschauers nicht und koennen sie ihm nicht erklaeren. Ich hingegen kenne beide Welten und versuche, zu vermitteln. Wenn ich einen Indio in Peru frage, warum es seiner Familie so schlecht geht, dann wird er mir aus seinem begrenzten Lebensfeld heraus kaum schluessige Antworten geben koennen. Frage ich ihn aber nach seinen taeglichen Problemen, wird er mir bis ins Detail seine Lebensumstaende schildern koennen. Dieses Wissen vermittle ich im Kommentar aufs Wesentliche gekuerzt und stelle es zudem noch in den gesellschaftlichen und politischen Kontext. Fuer lange Interviews fehlt leider die Zeit. Also kann ich sie nur in ihrem Alltag zeigen und erklaeren, warum sie so leben. Ich sage nicht, dass das die Idealloesung ist, aber die Zuschauer sollten auch ein wenig Vertrauen in den Filmemacher setzen."

 

Drehgenehmigungen

 

"Filmemacher haben gegenueber schreibenden Journalisten noch einen anderen Nachteil: Sie brauchen eine Drehgenehmigung. Das gilt fuer die meisten Laender der Dritten Welt. Vor dem Fernsehen haben die Maechtigen dieser Laender eine gewaltige Angst. Sie haben sich naemlich mit Leib und Seele dem westlichen Fortschrittsmodell verschrieben und geben keine Ruhe, solange sie aus ihrem Volk nicht Karikaturen der ehemaligen Kolonialherren gemacht haben. Wer Barfuessige filmt, verletzt die Ehre des Landes. Nur wenn man die Kamera auf das haelt, was die Herrschenden fuer modern halten: Geschaeftsstrassen, Wolkenkratzer, schlagkraeftige Armeen, Buerger im Western-Look und Bauern mit Krawatte, gilt man als 'objektiver Filmemacher'. Um sicher zu sein, dass man nicht filmt, was ihrer Meinung nach dem Ansehen des Landes schaden koennte, wird man meist von einem Beamten des jeweiligen Informationsministeriums begleitet. Aber das ist halb so schlimm. Entweder man legt ein derartiges Tempo vor, dass er nach wenigen Tagen lieber im Auto schlaeft, als den Wachhund zu spielen, oder man bessert sein Gehalt ein wenig auf.

 

In Aegypten verlangte der Chef des Informationsministeriums mein 'Ehrenwort als Gentleman', dass ich ohne Begleiter nicht filmen wuerde. Ich gab es freimuetig und filmte anschliessend auf Teufel komm raus. Ich konnte mir naemlich unter den gegebenen Umstaenden nicht vorstellen, was dieser wichtige Herr unter 'Gentleman' versteht und habe deshalb einen unserer schoensten Filme nach Hause gebracht. Selbstverstaendlich protestierte die aegyptische Botschaft in Bonn nach der Ausstrahlung des Films.

 

Um in Indien filmen zu duerfen, muss man unterschreiben, den Film vor der Ausstrahlung der Botschaft in Bonn vorzufuehren und allen eventuellen Aenderungswuenschen zu entsprechen. So wurde zum Beispiel ein Bericht der ARD ueber Indira Gandhi dreizehn mal veraendert, bis nichts mehr uebrig blieb als reine Hofberichterstattung.

 

Die in Indien akkreditierten TV-Korrespondenten muessen jeden Bericht, der laenger als acht Minuten ist, der Zensur vorlegen. Auch ich unterschrieb vor einigen Jahren, dass ich den Film der Botschaft vorlegen wuerde, tat es dann aber selbstverstaendlich nicht. Ich wollte es auf einen Prozess ankommen lassen, endlich einmal der Oeffentlichkeit klar machen, mit welchen Schwierigkeiten TV-Korrespondenten in der Dritten Welt zu kaempfen haben. Leider beliess es die indische Botschaft bei einigen Drohanrufen bei Radio Bremen."

 

Ueber die Arbeit der Korrespondenten

 

"Ich kann mir einen solchen Eklat leisten, denn ich bin nicht gezwungen, noch einmal in Indien zu drehen. Aber wie steht es mit den dort akkreditierten Korrespondenten? Die muessen sich mit Kritik zurueckhalten, sonst sind sie weg vom Fenster. Und das gilt fuer die meisten Laender. der Dritten Welt. Dass die Korrespondenten und ihre Anstalten sich damit abfinden, ist selbstverstaendlich. Sie haben keine Wahl. Da hat sich ein Mensch auf ein Land eingestellt, hat alles gelesen, die noetigen Kontakte geknuepft, eine schoene Wohnung und liebe Freunde und nun soll er all das aufs Spiel setzen, indem er berichtet, was wirklich Sache ist? Wem kann man das schon zumuten? Die Anstalten sind ja einverstanden.

 

Hier liegt einer der Gruende, weshalb sich unsere Filme so radikal von der ueblichen Auslandsberichterstattung unterscheiden. Wir brauchen keine Ruecksichten zu nehmen. So wird vielleicht auch verstaendlich, warum unsere Berichte von vielen Fernsehgewaltigen immer wieder als ueberspitzt, verzerrt, dogmatisch, apodiktisch oder unsachgemaess kritisiert werden. Sie enthuellen naemlich beim genauen Hinsehen, dass die festen Korrespondenten aus der Dritten Welt nur sehr beschraenkt berichten koennen und das kostspielige Nachrichtennetz der Anstalten zwar schnelle Nachrichten, aber nur oberflaechliche Analysen liefern kann oder darf.

 

Printmedien haben die gleichen Probleme. Deshalb schicken sie hin und wieder einen Sonderkorrespondenten in die betreffenden Gebiete. Was der dann schreibt, kann dem akkreditierten Vertreter nicht angelastet werden, obwohl meist er es ist, der die brisanten Informationen liefert und so endlich einmal Dampf ablaesst, ohne fuerchten zu muessen, des Landes verwiesen zu werden.

 

Als eine Art 'Sonderkorrespondenten' sollte man auch uns akzeptieren, anstatt uns vorzuwerfen, in 'fremden Jagdgruenden zu wildern'.

 

Unsere Filme bringen manchmal sogar den lokalen Vertreter der ARD in Schwierigkeiten, denn sie werden ja im ersten Programm ausgestrahlt. Oft genuegt dann der Hinweis, dass wir gar nicht dazu gehoeren, sondern freie Mitarbeiter sind. Jedesmal, wenn es Aerger gab, konnte dieses Argument den Korrespondenten zumindest entlasten. Deshalb stellen wir uns auch nie bei ihm vor oder bitten ihn um Hilfe. Er (oder sie) soll nicht mit uns in Verbindung gebracht werden koennen. Die Korrespondenten haben keinen einfachen Job.

 

Hautnah erlebten wir das vor vielen Jahren in Indien, als wir eine Reportage fuer den Stern machten. Wir wohnten bei Hans-Walter Berg, dem damaligen Korrespondenten in Delhi. Er gab uns seine Informationen, die er jahrelang hatte zurueckhalten muessen, und wir schrieben einen aufsehen erregenden Bericht. Kurz darauf fragte ihn ein Herr der Deutschen Botschaft in Delhi, ob er wisse, wen er beherbergt habe. 'Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge' war seine Antwort. - 'Sie irren, Troeller ist Bormann, der Stellvertreter des Fuehrers. Die indische Regierung hat uns den Tip gegeben'. Da konnte Hans-Walter Berg sich vor Lachen nicht mehr einkriegen, denn wir hatten uns schon als Kinder kennengelernt."

 

Der Mut des Redakteurs

 

Was die Redaktion von Radio Bremen immer wieder erstaunt, ist die grosse Zahl von Zuschauerbriefen. Es gab Filme, da musste sie bis zu 1.500 Zuschriften bewaeltigen, davon waren die meisten positiv. Bemerkenswert scheint dabei vor allem, dass es immer wieder heisst: "Wo nimmt Troeller den Mut her, so zu berichten, er soll um Gottes Willen so weitermachen, sich nicht unterkriegen lassen." Es wurden sogar Unterschriften gesammelt und Protestmeetings organisiert, als Troellers Position nach der Ausstrahlung des Films Die Nachkommen Abrahams - einer kritischen Bewertung der israelischen Besatzungspolitik - gefaehrdet schien.

 

"Viele Zuschauer wissen also, dass das, was sie alltaeglich an Berichten serviert bekommen, nicht unbedingt ihrer Information dient. Sonst naemlich wuerden sie nicht befuerchten, dass es Kopf und Kragen kosten kann, wenn man gegen diesen Informationsstrom anschwimmt."

 

Troeller meint jedoch, dass es nicht sein Verdienst ist, weiterhin im Programm zu sein. Das hat er vor allem Elmar Huegler, dem verantwortlichen Redakteur von Radio Bremen zu verdanken, der trotz massiven Drucks zu seinem Autor steht.

 

"Seinen Mut sollten die Zuschauer wuerdigen. Mein Verdienst ist es lediglich, dass ich nicht bereit bin, meine Filme der Vorherrschenden Meinung' anzupassen und mich weigere, den fortschreitenden Verdummungs- und Entpolitisierungsprozess zu unterstuetzen. Ich versuche nur, die angeblich wertfreien und somit meist wertlosen Informationen wertend zu demystifizieren."

 

Die entwicklungspolitische Diskussion und das 'Scheitern der Modelle'

 

"Weil ich keiner Partei angehoere, ideologisch nicht so recht einzuordnen bin, gingen die meisten 'Dritte-Welt-Theoretiker' zu mir auf Distanz. Auch weil ich mich an der theoretischen Diskussion nicht beteiligte, sondern mich damit begnuegte, an konkreten Beispielen aufzuzeigen, wie sehr die im Norden konzipierten Theorien im Sueden in der Praxis versagten.

 

Dass die gesamte 'Entwicklungsstrategie' zur fortschreitenden Verarmung der betroffenen Voelker gefuehrt hat, wird heute fast einmuetig anerkannt. Man spricht vom 'Scheitern der Modelle' und bedauert, dass sich die Dritte Welt 'jenseits theoretischer Begreifbarkeit' unterentwickelt hat.

 

Offensichtlich hat man einen der Wesenszuege der Entwicklungshilfe nicht beruecksichtigt, die Tatsache naemlich, dass sie Menschen zusammenfuehrt, zwischen denen ein unueberbrueckbares Machtgefaelle besteht und deren Interessen nicht zu vereinbaren sind. Der Duenkel, Menschen anderer Kulturen 'zu entwickeln', also dem Selbstbild anzupassen, kann doch nur dazu fuehren, herkommliche Ueberlebensstrategien zu zerstoeren und selbstaendige Initiativen im Keim zu ersticken.

 

Das ist im sogenannten Abendland seit wenigstens 500 Jahren Tradition. Zunaechst musste das Christentum dafuer herhalten, den Ueberlegenheitsanspruch des weissen Mannes zu rechtfertigen. All jene, die nicht wie er an seinen angeblich einzig wahren Gott glaubten, erklaerte er zu minderwertigen Geschoepfen, zu Heiden, denen er das Heil bringen muesse, hatte doch Gott den Christen aufgetragen, dies zu tun. So kuerte der weisse Mann sich zur Krone der Schoepfung und zum Retter der Menschheit.

 

Die Ergebnisse sind bekannt: Unter dem Schutz des Kreuzes wueteten Feuer und Schwert. Millionen wurden ermordet, Millionen wurden versklavt und wer uebrigblieb, wurde getauft.

 

Das war das erste Entwicklungsmodell, das Europa, wo immer es konnte, der uebrigen Welt aufzwang. Es wurde dabei reich, die Bekehrten hingegen immer aermer, vor allem kulturell.

 

Im Laufe der Zeit entdeckten die Europaeer, dass der Glaube die Welt doch nicht erklaeren koennte. Wissenschaft und Rationalitaet traten an seine Stelle. Von nun an wurden sie ins Feld gefuehrt, um die Ueberlegenheit des weissen Mannes zu rechtfertigen. Materiell war er ja der staerkere und konnte den Sueden der Welt zwingen, seinem Vorbild nachzueifern.

 

So entstand das zweite Entwicklungsmodell, und es wirkte nicht weniger zerstoererisch als das erste: 60% der Suedbevoelkerung leben heute unterhalb der Armutsgrenze, taeglich sterben dort 40.000 Kinder an Hunger oder leicht zu heilenden Krankheiten. Die Schulden der Laender der Dritten Welt belaufen sich mittlerweile auf 1.900 Milliarden Dollar - eine unvorstellbare Summe. Zwar pumpen die Industrienationen jaehrlich etwa 10 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe in diese Laender, doch von dort fliessen in der gleichen Zeit an die 60 Milliarden Dollar in die Banken des Nordens. Dennoch wird kraeftig weiter 'entwickelt'. Das neue Evangelium heisst Fortschritt, Modernisierung und wird nicht weniger fanatisch verbreitet als das Christentum. Bekehrt werden die 'Heiden' in unseren Universitäten und in Schulen, die von uns eingefuehrt wurden. Die neuen Missionare nennen sich Entwicklungshelfer und wie seinerzeit Kirchen und Kathedralen schiessen allerorts Entwicklungsprojekte aus dem Boden. Ein wirtschaftlicher Aufschwung ist dennoch nicht in Sicht, die kulturelle Gleichschaltung hingegen ist nahezu abgeschlossen.

 

Bei den Navajos in Nordamerika stiess ich auf eine ueberlieferte Prophezeiung. Sie besagt, wenn alle Menschen die gleiche Sprache sprechen, ist das Ende der Welt gekommen. Tatsaechlich gibt es wohl keine Alternative mehr zum Denken des weissen Mannes, es sei denn, in seiner Gesellschaft wuechse die Besinnung und fuehrte zu einem radikalen Umdenken.

 

Angesichts des entwicklungspolitischen Debakels und der daraus drohenden Gefahr fuer den Norden wird auf hoechster Ebene erwogen, den verarmten Teil der Menschheit nicht mehr als Entwicklungspotential zu betrachten, sondern als  globalen Sozialfall zu behandeln. Das heisst, sie nach vorprogrammierter Verarmung nun endgueltig zu Bettlern zu erklaeren und ihnen genug zu geben, damit sie nicht aufmuepfig werden. Caritas zu unserem Nutzen.

 

Die Theoretiker hingegen geben sich weiter Muehe, neue Entwicklungsmodelle zu entwerfen. Schon 1974 denunzierte ich in der Serie Im Namen des Fortschritts die gaengige 'Entwicklungshilfe' als "Verarmungshilfe". Damals wurde ich als 'linker Spinner' abgetan und heute wollen Spezialisten nicht wahrhaben, dass jemand, der keine 'wissenschaftliche Legitimation' hat, immerhin schon vor fast 20 Jahren das Scheitern jeder wie auch immer ausgerichteten Entwicklungspolitik voraussagte.

 

Ich bin weiterhin der Meinung, dass es selbst eine 'alternative Entwicklung' nicht geben kann, sondern allenfalls eine Alternative zur Entwicklung, und die kann nur von den Betroffenen selbst gefunden werden, unter Ausschluss der 'Entwicklungshelfer'.

 

Damit stehe ich schon wieder im Gegensatz zu den Spezialisten und der Mehrzahl der NRO's (Nichtregierungsorganisationen), deren Vertreter - wohl bezahlt, versteht sich - den angeblich 'Unterentwickelten' mit zweifelhaften Rezepten zu einem besseren Leben verhelfen wollen. Dass die Ueberlebensstrategien dieser Menschen, die von unseren Theoretikern als 'Schattenwirtschaft' bezeichnet werden, nach dem voraussehbaren Kollaps der Umwelt und damit unseres Wohlstandes wahrscheinlich dann auch die unseren sein werden, das will keiner hoeren."

 

Nachtrag  :

 

Bis 1998 hat Gordian Troeller noch gedreht. Mit 82 Jahren hoert er schweren Herzens auf zu filmen. Gleichgewichtsstoerungen machen ihm die Arbeit mit seiner geliebten 16mm Kamera unmoeglich. „Kinder dieser Welt“, diese letzte Filmserie,  schließt er mit einem Zusammenschnitt aus seinen frueheren Dokumentationen ab – einer Art Bilanz, die 1999 gesendet wird. Der Titel: „Wenn die Irrtuemer verbraucht sind“.

 

Gordian Troeller starb am 22. Maerz 2003.

 

In 36 Jahren und 89 Filmen hat er die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen an vielen Brennpunkten des 20. Jahrhunderts mit der Kamera verfolgt. Ueber fast alle Freiheitsbewegungen der zweiten Haelfte des vergangenen Jahrhunderts hat er berichtet. Er hat die Antriebskraefte der westlichen Gesellschaften analysiert, ihr Selbstverstaendnis in Frage gestellt und vor den Auswirkungen des „Fortschrittsdenkens“ gewarnt.

 
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